Prozess nach Hungertod von Lea-Sophie

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16. Juli 2008, 09:46 Uhr

Schwerin - Die Reue kommt spät. Sie kann das grausame Geschehen nicht rückgängig machen. „Es gibt keine höhere Strafe für einen Menschen, als seine Tochter zu verlieren. Ich habe als Vater versagt“, bekennt der 26-jährige Stefan T. und räumt damit ein, viel zu spät auf den immer schlechteren Gesundheitszustand des Kindes reagiert zu haben. Seine Tochter Lea-Sophie wurde gerade fünf Jahre alt. Sie starb, abgemagert bis auf die Knochen und völlig entkräftet, im November 2007 in Schwerin einen qualvollen Hungertod. Fünf Monate danach müssen sich ihre Eltern seit Dienstag vor dem Landgericht in Schwerin verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen gemeinschaftlichen Mord durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen vor. Sie seien „gefühlskalt“ und „mitleidlos“ gegen ihre eigene Tochter gewesen. Was die Anklage zum Prozessauftakt auflistet, beschreibt einen eigentlich unbeschreiblichen Leidensweg. Das Kind hatte demnach mindestens seit der Geburt des Bruders Ende September 2007 nicht mehr genug zu essen und zu trinken bekommen.

Das zunehmend geschwächte Mädchen wurde nicht mehr gepflegt, es kam nicht mehr an die frische Luft. Kot war an der Haut angetrocknet, die Wangen eingefallen, der ausgemergelte Körper durch tiefe Liegegeschwüre gezeichnet. Die Eltern hätten ihre Tochter sich selbst überlassen, sie damit „gequält“, „roh misshandelt“ und so schließlich grausam sterben lassen, lautet das Fazit der Ermittler. Über die Mitverantwortung des städtischen Jugendamtes, das mehrfach über die Gefährdung des Kindeswohls informiert worden war, aber nur halbherzig reagierte, wird in diesem Prozess nicht befunden.

Am 20. November war das Leben von Lea-Sophie kurz nach der Einlieferung ins Krankenhaus erloschen. Sie wog nur noch 7,4 Kilogramm, knapp die Hälfte des Normalgewichts ihrer Altersgefährten. Mangelnde Ernährung, unzureichende Flüssigkeitszufuhr und die äußerst schmerzhaften Geschwüre führten laut Obduktionsbericht zum Tod.

Die Eltern von Lea-Sophie erwartet zu Prozessbeginn ein großes Medienaufgebot. Unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen werden sie in Handschellen in den Saal geführt. Der hat nur gut 40 Plätze. Viele Interessenten müssen vor der Tür bleiben. Der Vater hält den Blick gesenkt, als Verteidiger Ralph Schürmann in seinem Namen eine Erklärung verliest. Die 24-jährige Mutter Nicole G., zierlich und blass, sitzt reglos daneben. Die Frau wird vorerst nicht aussagen. So bleibt unwidersprochen, was ihr Lebensgefährte vortragen lässt: Dass er ihr weitgehend die Verantwortung für das Mädchen überließ. Und, dass er den Notarzt gegen ihren Willen alarmierte.

Als die von Hartz IV lebenden Eltern am Abend des 20. November von einem Spaziergang mit Lea-Sophies zwei Monate altem Bruder und den beiden Hunden in die Wohnung zurückkehrten, war das Mädchen nicht mehr ansprechbar. Den Haustieren ging es den Ermittlungen zufolge gut. Auch Lea-Sophies Bruder wurde offenbar bestens versorgt. Die Wohnung war gepflegt und kindgerecht eingerichtet, geht aus der Anklageschrift hervor.

Laut Staatsanwaltschaft hat sich mit der Geburt des Bruders die Situation für Lea-Sophie dramatisch verschlechtert. Das schon chronisch unterernährte Mädchen, das nach sieben Monaten vorzeitig auf die Welt gekommen war, habe mit Verhaltensauffälligkeiten reagiert. Diese Darstellung bestätigt der Vater. Lea-Sophie habe die Nahrung verweigert und mit Spielsachen um sich geworfen. „Alle Appelle an die Vernunft von Lea-Sophie blieben ergebnislos“, heißt es in seiner Erklärung. „Ich hatte gehofft, dass alles von allein wieder normal wird“, bekundet der Vater. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Doch es klingt fast wie ein Schuldeingeständnis, wenn er zu erkennen gibt: „Wir haben vielleicht nicht wahrhaben wollen, was wir hätten erkennen müssen“.

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