Protest gegen Berufsschulkürzungen wächst

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27. Mai 2008, 07:58 Uhr

Schwerin/Plau - „Aufnahmezusage“ und das für den Wunschberuf Kinderpflegerin. Nach über 30 Bewerbungsschreiben war Andrea Neberts Freude riesig – auch wenn das Wörtchen „vorläufig“ auf dem Anmeldebrief stand.

Umso härter traf die 17-jährige Plauerin jetzt die Absage der Beruflichen Schule der Landeshauptstadt. In diesem Bildungsgang dürfen auf Order des Bildungsministeriums wegen mangelnden Bedarfs landesweit überhaupt keine Klassen gebildet werden.

„Bitte bemühen Sie sich um eine andere Berufsausbildung“, las Andrea Nebert entgeistert. „Ich war schockiert“, sagt die Realschülerin immer noch bedrückt. Vater Torsten kommt regelrecht in Rage beim Gedanken, „dass da jemand am grünen Tisch sitzt und einfach jungen Menschen einen Strich durch die Lehrstellen macht“. „Das Land wird doch nicht jünger sagt er kopfschüttelnd, „so etwas ist unvertretbar“.

Berufsschulen fehlen mehr als 280 Lehrerstellen
Das finden auch Berufsschullehrer, die frustriert versuchen, mit den unter Verweis auf sinkende Schulabgängerzahlen und die Priorität betrieblicher Ausbildung drastisch gekürzten Stellenzuweisungen klarzukommen. Landesweit fehlen den Beruflichen Schulen laut Lehrergewerkschaft GEW durch die gerade vorgelegte Unterrichtsversorgungs-Verordnung für 2008/09 mehr als 280 Pädagogenstellen.

Am stärksten sind die Schulamtsbezirke Schwerin mit 76 und Rostock 80 und in Schwerin 76 Fehlstellen betroffen. Damit blieben nach Absicherung der dualen betrieblichen Ausbildung für den gesamten vollzeitschulischen Bereich in Schwerin-Westmecklenburg 17 und an der Küste 14 Stellen übrig, sagt GEW-Landeschefin Annett Lindner.

„Im Rostocker Einzugsgebiet reicht das für die Eröffnung von vielleicht zehn Klassen“, sagt sie. Dem stünden nach GEW-Erfassungen aber Anmeldungen für Vollzeitbildungsgänge wie Fachgymnasium, Fachoberschule oder höhere Berufsfachschule mit fast 60 Klassen gegenüber. „Das heißt, es bliebe eine Lücke von 50 Klassen oder etwa 1500 Jugendlichen. Selbst wenn man nur die Hälfte annähme, wäre das Ergebnis katastrophal, sagt Lindner. „Denn wir haben in MV die flexibelsten Jugendlichen.“

Teilzeit durchdrücken trotz rappelvoller Klassen?
Die vom Ministerium zur Begründung herbeigerechnete Prognosezahl von ca. 50 550 Berufsschülern im Jahr 2008/09 nach derzeit fast 60 000, halten Gewerkschafter und Schulpraktiker für nicht nachvollziehbar. Ein Statistiktrick, um die nach internen Berechnungen auf 76 Prozent des Beschäftigungsumfangs veranschlagte Einführung der Pflichtteilzeit an den Berufsschulen durchzudrücken, lautet der Tenor. „Und das trotz teils rappelvoller Klassen“, entrüsten sich Pädagogen.

Die Entscheidung dürfte morgen in der Sitzung der Begleitgruppe zum Lehrerpersonalkonzept mit Vertretern des Finanzministeriums fallen.
Dabei hätte schon die Stellenstreichliste fatale Folgen, warnen Praktiker wie der Rostocker Berufsschulleiter Holger Verchow. „Wenn das Land die äußerst eng bemessenen Zahlen durchzieht“, so Verchow, „dann werden Bildungsgänge sterben. Und die Berufsbildungswahl wird in einer Form eingeschränkt, die dramatisch ist.“ Deshalb greife eine Zahlendebatte zu kurz, sagt der Landeschef des Berufsschullehrerverbandes BLBS.

Fällig sei eine politische Grundsatzdebatte: Welchen Wert hat Bildung in diesem Land und wie viel ist sie uns wert?“ Noch baue er darauf, dass die Verantwortung für die Jugend siege – auch wenn es immer schwer falle, sagt Verchow. „Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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