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21. Oktober 2017 | 07:12 Uhr

Private Schätze im Museum

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erstellt am 26.Sep.2010 | 05:46 Uhr

Rostock | Es war Weihnachten 1943, als Heidelinde Wulff ihre Puppe geschenkt bekam. "Ich nannte sie Gisela", erzählt Wulff, die heute 72 Jahre alt ist. Die Puppe befindet sich inzwischen im Kulturhistorischen Museum - denn die Rostockerin wollte unbedingt, dass das Weihnachtsgeschenk für die Nachwelt erhalten bleibt. "An diesem Abend haben wir meinen Vater zum letzten Mal gesehen", sagt sie. Er kehrte nicht aus dem Krieg heim. "Wir haben nie mehr etwas von ihm gehört, obwohl wir überall geforscht haben." Auch zwei Fotos erinnern die Lütten Kleinerin an den Weihnachtsabend. Auf einem ist sie als kleines Mädchen mit Kleid und Puppe zu sehen, auf dem anderen ihre Eltern, die sich zum letzten Mal verliebt anschauen.

Große Liebe zu ihrer Geburtsstadt

In der Zwischenzeit hat sich Heidelinde Wulff von Puppe Gisela, dem Kleid, das sie Heiligabend 1943 trug, den Originalen der Familienfotos und auch von dem dazugehörigen Fotoapparat getrennt. Nicht nur, weil sie als Erwachsene kein Spielzeug mehr braucht, sondern weil sie die Dinge aus Verbundenheit zu Rostock ins Museum geben wollte. Ihre große Liebe zu ihrer Geburtsstadt führt sie auf ihre familiären Wurzeln zurück. "Meine Vorfahren waren Fischer in der Nördlichen Altstadt." Die Rentnerin kennt viele Straßenzüge unter dem ursprünglichen Namen, so dass sie zum aktuellen einen historischen Stadtplan im Kopf hat. Den Draht zum Kulturhistorischen Museum stellte Nachbarsfamilie Planeth her, die den verstorbenen Kunsthistoriker Johann Joachim Bernitt kannte. Er arbeitete 30 Jahre im Kulturhistorischen Museum. Planeths meinten, dass das eine oder andere Stück aus dem Wulffschen Besitz für das Rostocker Museum interessant sein könnte. Daraufhin meldete sich die Lütten Kleinerin dort. Aus diesem ersten Treffen entwickelte sich ein fast 30 Jahre bestehender Kontakt. Es bleib nicht bei nur einigen Stücken. Immer wieder trennte sich Wulff zugunsten des Museums von weiteren.

Inzwischen besitzt die Spenderin einen Ordner, in dem sie alles dokumentiert hat, was jetzt im Museum ist. Außerdem taucht manches in 120 plattdeutschen Geschichten auf, die sie geschrieben hat und vorträgt. Da spielen auch Rostocker Geschichten eine Rolle. Familiäre Erinnerungen hielt sie in einem Buch fest. Unter anderem ein Kapitel, wie sie sich in Gisela hineindenkt, die ihren Umzug von Heidelinde Wulff ins Museum beschreibt. Nach dem Ausscheiden von Kunsthistoriker Bernitt kam sie mit Volkskundlerin und Kustodin Annelen Karge in Verbindung. Nach wie vor opfert die Rentnerin private Schätze, um sie für die Allgemeinheit zu bewahren.

Ein Ordner dokumentiert alle einzelnen Stücke

"Ich bin allein, habe keine Kinder und möchte nicht, dass die Dinge verloren gehen", sagt sie. Auch der Manikürekoffer und der Gesellenbrief ihrer Mutter als Friseurin aus dem Jahr 1912 wanderten ins Museum. Ein besonders wertvolles Zeitdokument ist eine handgeschriebene Liste der Mutter, die für eine Versicherung alle Gegenstände mit dem entsprechenden Wert aus der Wohnung aufführen musste. Das war die Grundlage für eine gewisse Entschädigung und das Recht, Ersatz zu kaufen. "So etwas hat es im Museum noch nicht gegeben", sagt Wulff. Auch ein Essbesteck aus 90er Silber, das ihre Eltern zur Hochzeit 1935 bekommen haben, ist samt Suppenkelle und Gemüselöffel im Fundus. Dazu eine Nähfibel von Gütermanns Nähseide, ein geflochtener Rattankorb mit Holzperlen, Kinderbücher von 1920, 1943, 1947 und als besonderer Schatz ein Fächer der 1876 geborenen Großmutter, der auch schon häufiger in Ausstellungen zur Modegeschichte zu sehen war. Von dieser Oma schenkte sie auch ein wertvolles Poesiealbum, ein mit Leder bezogenes Schmuckkästchen und ein Jugendstil-Medaillon. Außerdem stiftete die pensionierte chemisch-technische Assistentin Originalfotografien des Lichtbildners Friedrich Rüsbüldt. Und sie trennte sich von einem Tischtuch mit sechs Servietten von 1935 aus einer Kunstfaser, die beim Filmhersteller Agfa produziert worden war. Das Besondere ist, dass es ein Original der Waschanleitung gegeben hat. Wulff stiftete einen Roman aus der NS-Zeit, in dem ein Zettel mit guten Wünschen der Arado-Werke zu Weihnachten 1940 lag. Zu den meisten Dingen liefert Wulff ein Foto oder eine Geschichte. Wie bei dem Adventskranzständer oder dem alten Weihnachtsschmuck, den die Familie als Ersatz nach dem Ausbomben kaufen konnte. "Manche belächeln mich, dass ich das für die Nachwelt erhalten will. Aber das hält mich nicht ab", sagt Wulff.

Die Hobby-Museologin hat erkannt, wie wichtig es ist, Zeitdokumente zu bewahren. Da sind manchmal Dinge mit Gebrauchsspuren oder Geschichten bessere Zeitzeugen als pure Fakten in Büchern. Deshalb wird sie auch künftig Dinge ins Museum bringen. Und andere Menschen dazu anregen, es ebenfalls zu tun.

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