Primitiv aber glücklich - Mario Barths Weltrekord im Berliner Olympiastadion

Mario Barth quält Silbermond: Das Olympiastadion  ist ausverkauft, die Band hat ihre Wette verloren und muss sich mit Wolfgang Petrys Song „in die Hölle“ schicken lassen. Foto: Juliane Haendschke
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Mario Barth quält Silbermond: Das Olympiastadion ist ausverkauft, die Band hat ihre Wette verloren und muss sich mit Wolfgang Petrys Song „in die Hölle“ schicken lassen. Foto: Juliane Haendschke

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13. Juli 2008, 07:33 Uhr

Berlin - In Mario Barths sauber aufgeräumten Geschlechterwelt führen Männer das Dasein eines Tamagotchis: Mit Mikrowellenessen gefüttert und vom Fernsehprogramm sowie den Marotten ihrer Frauen unterhalten.

Eben „primitiv aber glücklich“ feiert der Comedian mit seiner aktuellen Show im Berliner Olympiastadion einen ernst zu nehmenden Erfolg. 70 000 Barth-Fans haben dem Alleinunterhalter die Freude gemacht und ihn mit einer ausverkauften Show ins Guinness Buch der Weltrekorde gehoben. Gut für ihn und seine Geldbörse, angesichts der Kartenpreise von rund 30 Euro.

Heimspiel
„Danke Berlin“, schrie der gebürtige Berliner nach knapp zweistündiger Geschlechterparade verschwitzt ins durchgelachte Publikum. Beide Seiten hatten gegen 23 Uhr am Sonnabend alles gegeben: Stundenlanges Schlangestehen an Bierständen, WCs und Einlässen bremste die Begeisterung der Barth-Anhänger.

Mit selbst inszenierten Laola-Wellen hatten die Wartenden vor der Show die Stadionatmosphäre genutzt – stoßweise angeheizt von Culcha Candela und in Stimmung gebracht von Silbermond. Die mussten ihre Wettschulden begleichen. „Ja, das hättet ihr nicht gedacht“, schwülste Barth zwei Stunden vor seinem Auftritt ins Mikro und genoss die sichtliche Verlegenheit von Frontsängerin Stefanie Kloß.

Kein Thomas Anders
Das Stadion war voll, die Wette verloren – Silbermond musste singen, was Barth vorgab. Das war das Ergebnis eines durchgefeierten Abends. So schlugen und sangen sich die Musiker in die Herzen ihrer Zuhörer, nur bei Modern Talkings „Cherry Cherry Lady“ brach Stefanies Stimme: „Ich komme nicht so hoch wie Thomas Anders.“ Macht ja nichts.

Barth verzog sich in die Garderobe und überließ Silbermond und Publikum der überkochenden Stadionstimmung. Die flaute dann merklich schnell wieder ab.

Zielsicher
Aber kein Grund zur Trauer. Der Star des Abends betrat mit 30-minütiger Verspätung die Bühne und holte seine Fans mit sicherer Gassenhauer-Mentalität aus ihrem Tal. Mit wedelnden Armen hüpfend, brach eine Pointe nach der anderen aus dem Alltagsgeschichtenerzähler. Schilderungen, schon zigmal im Fernsehen gesehen, trafen auch live zielsicher die Lachnerven seines Publikums.

Dabei bediente Barth Geschlechterklischees wie auf Rezept. Seine kaum von der Öffentlichkeit registrierte Freundin Paula musste als handtaschengeile Modepuppe herhalten. Sein bester Freund als liebesverrückt, der sich von seiner Freundin derart umkrempeln lässt, mittlerweile Wein aus Vasen trinkt und Spazierengehen zu seinem neuen Hobby erkoren hat. „Was andere Männer vor Jahrhunderten vergraben haben, erfindet der wieder neu“, ereiferte sich Barth und die Menge gröhlte. Gut geölt legte er nach und kramte aus dem Moloch des öden Alltags stilsicher Pointen des deutschen Zusammenlebens.

Barthscher Standard
Seine Show war Barthscher Standard, die Inszenierung angemessen. Auf sechs Videoleinwänden verfolgten Tausende Augenpaare Mimik und Gestik ihres Unterhalters. Der hüpfte auf und ab vor einem meterhohen Brandenburger Tor-Modell, das von einer Gummipuppen-Quadriga geziert war.

Die Zeiten, als Comedians in Kneipen vor schwarzen Vorhängen ihre Zoten zum Besten gaben, scheint vorüber. Heute konkurrieren sie rotzfrech mit den Rolling Stones oder Robbie Williams und schaffen es, ganze Stadien zu füllen. Und weil ein Mario Barth gern mit dem Feuer spielt, verabschiedet sich der Witzrowdy mit einem schreiend bunten Feuerwerk und einem Weltrekord in der Tasche.

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