Polizei holt Kinder aus verwahrloster Wohnung

Wer Hilfe sucht, bekommt sie. Holger Glatz, Beate Dellin und Birgit Hesse vom Landkreis Nordwestmecklenburg machten erst vor wenigen Monaten auf die aktuellen Telefonnummern der Kinderschutzhotline aufmerksam. Foto: Volker Bohlmann
Wer Hilfe sucht, bekommt sie. Holger Glatz, Beate Dellin und Birgit Hesse vom Landkreis Nordwestmecklenburg machten erst vor wenigen Monaten auf die aktuellen Telefonnummern der Kinderschutzhotline aufmerksam. Foto: Volker Bohlmann

Die Polizei hat in der Gemeinde Pokrent zwei vernachlässigte Kleinkinder aus einer verwahrlosten Wohnung holen lassen. Alle Zimmer sollen mit Hundekot verdreckt gewesen sein und der fünfjährige Junge bettelte um Essen. Der Kindernotdienst nahm sich der Kinder an.

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29. September 2008, 08:14 Uhr

Pokrent - „Onkel, hast du etwas zu essen für uns?“, soll der Junge einen Helfer angefleht haben. Inzwischen ist der Fünfjährige mit seiner vier Jahr jüngeren Schwester in einer Jugendhilfeeinrichtung. Beide sind wohlauf.

„Dass Kinder in solch einem Zustand und aus solch einem Umfeld herausgeholt werden mussten, hatten wir lange nicht mehr“, sagt der Leiter der Jugendhilfeeinrichtung. Der körperliche Zustand sei zum Glück noch nicht lebensbedrohlich gewesen. Gegen beide Elternteile wird jetzt wegen Verletzung der Fürsorgepflicht ermittelt.

Die Polizei hatte die Kinder eher zufällig in dem Haus in der Gemeinde Pokrent entdeckt, nachdem die Beamten wegen einer Trunkenheitsfahrt zu dieser Adresse gerufen wurden. Ein kurzer Blick in das Haus war für die Beamten ausreichend, um das Ausmaß der Lebens- und Wohnumstände der Kinder zu erkennen. So fand in der Wohnung zu diesem Zeitpunkt gerade ein Trinkgelage unter mehreren Erwachsenen statt, an dem sich auch die Eltern beteiligten. Sie hatten einen Alkoholwert von deutlich mehr als einem Promille. Darüber hinaus befand sich die gesamte Wohnung in einem verwahrlosten Zustand. Alle Zimmer sollen mit Hundekot verdreckt gewesen sein. Die Polizei verständigte den Kindernotdienst.

Einwohner der Gemeinde Pokrent sind geschockt. „Es ist erstaunlich, dass es so etwas in einem hoch zivilisierten Land wie Deutschland gibt. Ich kann nur hoffen, dass die Vorwürfe sich nicht bestätigen und es den Kindern gut geht“, sagt der Pokrenter Mirko Daus. Er ist selbst Vater von zwei Kindern.
„Es macht mich wütend und ich frage mich, wieso Eltern ihren Kinder so etwas antun können? Ich möchte nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer ist“, sorgt sich auch die Gadebuscher Schulsozialarbeiterin Judith Keller.

Erschütternde Fälle, wie der des verhungerten Schweriner Mädchens Lea-Sophie haben viele Menschen sensibler gemacht. So gingen allein bei der Kinderschutz-Hotline des Landes (0800 1414007) seit Februar dieses Jahres 400 Anrufe ein. Im Landkreis Nordwestmecklenburg gab es im vergangenen Jahr 140 Meldungen zum Thema Kindeswohlgefährdung. Dies entsprach einer Verdreifachung.
Das Jugendamt des Landkreises Nordwestmecklenburg wird entscheiden, wie es mit den Geschwistern weiter geht und ob sich möglicherweise eine Pflegefamilie um die Kinder kümmert.


Aktuelle Notrufnummern


Die Kinderschutzhotline des Landes ist unter der Telefonnummer 0800/1414007 zu erreichen.
Notfälle bzw. Vorfälle wegen Kindesmisshandlungen bzw. Gefährdung nimmt das Jugendamt des Kreises Nordwestmecklenburg tagsüber unter der Tel-Nr. 03881/722504, 03881/722532 und 03881/722531 entgegen. Außerhalb der Dienstzeit gilt die Rufnummer des Jugendhilfezentrums: 038872/53252 und 0163/5007475 .
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