Polizei erhebt schwere Vorwürfe gegen Loveparade-Veranstalter

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28. Juli 2010, 07:49 Uhr

Die Massenpanik auf der Loveparade mit inzwischen 21 Toten ist nach Feststellung der Polizei vor allem eine Folge von Versäumnissen des Veranstalters. Nach den bisherigen Ermittlungen habe der Veranstalter die Vorgaben seines Sicherheitskonzepte nicht eingehalten, sagte Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Mittwoch in Düsseldorf. In der Nacht zum Mittwoch war eine 25-Jährige ihren schweren Verletzungen erlegen.

Die Polizei sei zu Hilfe gerufen worden, als das Geschehen auf dem Gelände der Loveparade außer Kontrolle geraten sei, sagte der Minister weiter. Bis dahin seien die Beamten ausschließlich für den nicht abgesperrten Bereich außerhalb des Geländes zuständig gewesen, was der bei Großereignissen üblichen Aufgabenteilung entspreche. Für die Sicherheit auf einem Veranstaltungsgelände sei stets allein der Veranstalter mit seinen privaten Sicherheitskräften zuständig.

Die Ermittlungen des Duisburger Polizeipräsidiums hätten jedoch ergeben, dass der Veranstalter zum einen sowohl im Eingangsbereich als auch im Bereich der Zugangsrampe zu wenig Ordnungskräfte eingesetzt habe, fügte der Polizeiinspekteur des Landes, Dieter Wehe, hinzu. Zum anderen seien die Eingangsschleusen erst gegen 12.00 Uhr statt - wie möglich - schon gegen 10.00 Uhr geöffnet worden. Als Folge hätten sich an den Eingängen große Rückstaus gebildet während es auf dem Gelände noch genug freie Flächen gegeben habe.

Um 15.30 Uhr habe der Veranstalter daraufhin die Polizei um Hilfe gebeten, um sowohl den Rückstau am Eingang als auch den inzwischen entstandenen Stau an der Zugangsrampe unmittelbar vor dem Gelände aufzulösen, sagte Wehe weiter. Dort hätten Menschen die Float-Parade beobachtet, ohne weiterzugehen. Auch da hätten die Ordnungskräfte des Veranstalters ihre Aufgabe nicht erfüllt.
Eine vereinbarte Schließung der Eingangsschleusen, um den Andrang zu stoppen, sei ebenfalls vom Veranstalter nicht umgesetzt worden, merkte Wehe an. Stattdessen seien weitere Besucher Richtung Tunnel und Rampe geströmt. Um 17.02 Uhr seien dann die ersten Opfer auf der Eingangsrampe gemeldet worden. Umgerissene Teile eines Absperrzauns am westlichen Zugang der Rampe hätten offenbar „wie Stolperfallen“ gewirkt. „Die 14 unmittelbar Getöteten wurden in diesem Bereich gefunden“, berichtete Wehe.

Dem Polizeiinspekteur zufolge erhielt die Polizei die Genehmigungsunterlagen für die Loveparade erst am Veranstaltungstag auf eigenes Verlangen. Darin sei eine maximale Auslastung des Geländes auf dem Duisburger Güterbahnhof für 250 000 Personen vorgeschrieben gewesen. Vor der Loveparade habe die Duisburger Polizei der Stadt ihre Sicherheitsbedenken für den Eingangstunnel und die Zugangsrampen mitgeteilt. Die Stadt habe entsprechende Änderungen der Sicherheitskonzeption zugesagt, sagte Wehe.

Der Organisator der Loveparade, Rainer Schaller, wies Vorwürfe erneut zurück, die Sicherheit bei der Loveparade vernachlässigt zu haben. Die Genehmigung sei erteilt worden: „Ohne diesen offiziellen Stempel hätten wir die Loveparade niemals stattfinden lassen.“ Am Mittwochabend teilte er mit, die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen unterstützen zu wollen. Von Veranstalterseite werde alles getan, um die Verantwortung zu klären, wie es zu der Tragödie kommen konnte.
Die Staatsanwaltschaft Duisburg kündigte an, den „Sachverhalt umfassend, unparteiisch und ohne Ansehen der Personen“ aufzuklären.

Für die Ermittlungen stünden vier Staatsanwälte und ein „sehr erfahrener“ Oberstaatsanwalt„ zur Verfügung. Beim inzwischen zuständigen Polizeipräsidium Köln sei eine Ermittlungsgruppe mit 60 Beamten eingerichtet worden. Die Duisburger Polizei hatte die Zuständigkeit an Köln abgegeben, um sich nicht dem Vorwurf der Befangenheit auszusetzen.

Derweil gerät Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) immer stärker unter Druck. Die SPD-Stadtratsfraktion im Duisburger Rathaus erhob schwere Vorwürfe gegen ihn. Die Sozialdemokraten hätten sich bei den Vorbereitungen zur Loveparade schlecht informiert gefühlt, sagte der Geschäftsführer der SPD-Ratsfraktion, Uwe Linsen.

“Wir mussten extra eine Sondersitzung einberufen, sonst hätten wir darauf gar keine Antwort erhalten„, fügte er hinzu. Die Duisburger Ratsfrau Elke Patz (SPD) beklagte, von Sauerland übergangen worden zu sein. Beim Thema Loveparade hätten Politik und Stadtrat nicht mitreden dürfen, betonte Patz.

Unterdessen zogen am Mittwochabend Fußballfans bei einem Trauermarsch von der Unglücksstelle der Loveparade zum Stadion des MSV Duisburg. Die Polizei sprach von rund 1000 Teilnehmern. An der Spitze des Trauerzugs trugen nach Angaben von Augenzeugen Teilnehmer ein großes Transparent mit den Worten “Wir MSV-Fans trauern um 21 Menschen, die nur feiern wollten."

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