Dispozinsen bei Girokonten zu hoch : Politik will Dispo-Abzocke stoppen

Kreditinstitute verlangen derzeit bis zu 14 Prozent Zinsen im Jahr für Kontoüberziehung. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) appellierte gestern an Banken für „faire Konditionen“ zu sorgen.

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20. Juli 2012, 11:59 Uhr

Es ist verlockend einfach. Wenn Bankkunden ihr Girokonto überziehen, bekommen sie einen kleinen Kredit ganz ohne Extraformalitäten. Doch der Preis der Flexibilität ist hoch. Von zweistelligen Dispozinsen bis 14 Prozent und mehr ist die Rede. Über die Konsequenzen ist nun neuer Streit entbrannt: Müssen endlich klare Obergrenzen per Gesetz her? Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) lehnt das ab und will auf mehr Transparenz setzen. Hintergründe von Sascha Meyer, dpa und Paulina Jasmer.

Warum kocht Ärger über Dispozinsen hoch?
Banken und Sparkassen kommen schon seit Jahren billig an Geld. Als Gegenmittel zur Linderung der Finanzkrise senkte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins – den wichtigsten Zins zur Versorgung der Geldinstitute mit Zentralbankgeld – drastisch ab: von 4,25 Prozent 2008 zunächst auf 1,0 Prozent und seit Anfang Juli sogar auf das historische Tief von 0,75 Prozent. Doch die Kunden hätten davon viel zu wenig, monieren Verbraucherschützer schon seit längerem. Fürs Überziehen des Girokontos werden nach jüngsten Angaben der Stiftung Warentest im Schnitt zwischen 10 und 11 Prozent Zinsen kassiert, Spitze waren sogar mehr als 14 Prozent.

Nach Recherchen unserer Redaktion liegen die Dispozinsen der Sparkasse Neubrandenburg bei 12,59 Prozent, die der Ostseesparkasse Rostock nur bei 9,95 Prozent. Die VR-Bank in Rostock kann sogar mit 8,95 Prozent aufwarten. Einen noch niedrigeren Dispozins verlangt die DKB-Bank mit 7,9 Prozent, während die Deutsche Bank schon 12,5 Prozent fordert und die Commerzbank sogar 13,24 Prozent.
Nicht ganz so hoch, aber im strittigen Bereich laut Studie liegt auch die Sparkasse Mecklenburg-Schwerin mit 12,96 Prozent. Vorstandsvorsitzender Diedrich Baxmann erklärt die Höhe der Zinsen wie folgt: „Aufgrund der Flexibilität und Verlässlichkeit sind Zinsen für den Dispositionskredit grundsätzlich höher als bei anderen Privatkrediten. Allein die Bereitstellung erfordert Eigenkapital, und zwar unabhängig davon, ob der Kredit in Anspruch genommen wird. Zusätzlich schlägt das erhöhte Ausfallrisiko dieses unbesicherten Kredits zu Buche und begründet damit eine betriebswirtschaftlich erforderliche Kompensation des Aufwands.“

Welche Dimension haben Dispokredite?
Fast jeder vierte Volljährige in Deutschland hat in diesem Jahr schon sein Konto überzogen, wie das Bundesverbraucherministerium per Umfrage ermitteln ließ. Jeder Dritte fühlt sich demnach nicht gut genug über die Konditionen informiert. Wie viel Geldinstitute mit Dispositionskrediten kassieren, ist dabei eine relevante Größe: Im April summierten sich die gewährten Überziehungskredite laut Bundesbank auf 41 Milliarden Euro. Da macht jeder Prozentpunkt beim Dispozins 410 Millionen Euro aus. Rasch zu spüren bekommen Kunden niedrige Leitzinsen indes an anderer Stelle: Für Sparer gibt es meist nur um die 2 Prozent Zinsen.

Was plant die Ministerin, damit Dispozinsen sinken?
Aigner verlangt, dass die Geldinstitute volle Transparenz schaffen und so mehr Wettbewerb entsteht. „Banken und Sparkassen, die beim Dispo über Gebühr zulangen, müssen beim Namen genannt werden.“ In einer Studie schlagen das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und das Institut für Finanzdienstleistungen vor, Frühwarnsysteme auszubauen. Ein Alarm zeigt, wenn ein Konto länger im Minus ist. Der Kunde könnte informiert werden.

Soll der Staat Dispozinsen gesetzlich begrenzen?
SPD-Chef Sigmar Gabriel schimpft und fordert: „Wir brauchen endlich ein Gesetz mit einer Obergrenze für Dispozinsen.“ Wo der Markt versage, sei die Bundesregierung verpflichtet, für faire Bedingungen zu sorgen, verlangt Grünen-Expertin Nicole Maisch. Aigner hingegen ist skeptisch: „Weil auch günstige Banken die Obergrenze voll ausschöpfen würden und sich teure Banken das entgangene Geld über Gebührenerhöhungen hereinholen.“

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