Pleitegeier über dem Handball?

Die erneute Pleite des Handball-Bundesligisten Tusem Essen hat eine lebhafte Debatte über das mitunter abenteuerliche Geschäftsgebaren in der höchsten deutschen Spielklasse ausgelöst. Zumal gestern eine neue Hiobsbotschaft die Szene erreichte: Nord-Zweitligist Anhalt Bernburg konnte nach eigenen Angaben die Insolvenz fürs erste abwenden.

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07. November 2008, 08:07 Uhr

Essen/Bernburg - Keine zwei Jahre nach dem Triumph der Nationalmannschaft bei der Heim-WM entpuppen sich alle Hoffnungen auf rosige Zeiten als Wunschdenken. Angesichts wachsender Schuldenberge forderte Uwe Schwenker wirksamere Prüfungsverfahren. „Wir werden darüber sprechen müssen, ob die Lizenzauflagen zu verschärfen sind“, sagte der Geschäftsführer des THW Kiel.

Das Beispiel Essen verdeutlicht das Dilemma. Nur drei Jahre nach der ersten Insolvenz tappte der Club erneut in die Schuldenfalle. Seit Saisonbeginn betrug die monatliche Unterdeckung 100 000 Euro, Gesamtschulden von 1,5 Mio. Euro zwangen zur Kapitulation. Damit steht Essen als erster Absteiger fest, will aber die Saison zu Ende spielen.

Zweitligist Anhalt Bernburg kurz vor der KippeGestern nun die Botschaft eines weiteren kriselnden Vereins, diesmal vom punktlosen Nord-Zweitligisten Anhalt Bernburg. Mit einem Rettungspaket und dem Verzicht der Spieler auf Teile ihres Gehaltes hat man in Sachsen-Anhalt in höchster Not eine Insolvenz abgewendet. „Wir sind aber noch lange nicht über dem Berg“, sagte der neue Geschäftsführer Reinhard Krause gestern.

Für die Rettung des Vereins, den Schulden im sechsstelligen Bereich drücken, nehmen die Spieler finanzielle Einschnitte in Kauf. „Die Mannschaft zeigt Verständnis für unsere schwierige Situation und verzichtet auf 15 Prozent ihres Gehalts“, sagte Krause. Mit der Verpflichtung von 17 Spielern durch Krauses Vorgänger Jörg Westerkowsky hatte sich der SV Anhalt finanziell übernommen. Nicht mehr zum Kader gehört Sigismund Prentki. Der Italiener kehrt nach Bozen zurück.

Auflösungserscheinungen in Essen: Erste Spieler gehenIn Essen zeigen sich die ersten Auflösungserscheinungen. Torjäger Aljoscha Schmidt und Torhüter Gerrie Eijlers werden morgen in Köln im Punktspiel gegen Gummersbach bereits nicht mehr für den Tusem spielen. Während Eijlers in Balingen im Gespräch ist, soll Schmidt mit Minden und den Füchsen Berlin in Kontakt stehen.

Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball Bundesliga (HBL), stellte unterdessen eine „selbstkritische Überprüfung“ des Lizenzierungsverfahren in Aussicht. Daraus könne aber nicht geschlussfolgert werden, dass die Liga ihre Sorgfaltspflichten vernachlässigt habe. Vielmehr äußerte er Zweifel, ob die im Mai vorgelegten Zahlen aus Essen seriös waren.

Und der Tusem ist kein Einzelfall: Ligakonkurrent HSG Nordhorn lebte ebenfalls lange Zeit über seine Verhältnisse. Wegen einer Etatlücke von mehr als 500 000 Euro hatte die HBL Nachbesserungen verlangt und mit Punktabzügen gedroht. Es scheint, die HSG hat die Kurve gekriegt.

Auch der Erstliga-Tabellenletzte Stralsund ist finanziell nicht auf Rosen gebettet. Wie Manager Jörg Dombdera bestätigte, ist der geplante Etat in Höhe von 1,2 Millionen Euro noch nicht gedeckt. Clubs wie der SC Magdeburg leiden unter den Sünden der Vergangenheit. „Dreimal stand ich unmittelbar vor der Situation, einen Insolvenzantrag stellen zu müssen“, bekannte SCM-Geschäftsführer Holger Kaiser. Die vergangene Saison schloss er mit einem Minus von etwa 780 000 Euro ab. Zuvor hatte der Verein bereits 2,5 Millionen Euro Schulden abgebaut und wähnt sich bei seinem Sanierungskurs auf gutem Weg.

Nur ein Umdenken kann die 1. und 2. Liga vor weiterem Unheil bewahren. Seriöses Wirtschaften muss vor sportlichen Träumen stehen. Diese Erfahrung musste auch Post Schwerin in der Erstliga-Saison 2004/05 machen, wo man sich nach dem Aufstieg dank des Relgationssieges über die SG Kronau/Östringen (heute Rhein-Neckar Löwen) finanziell verhob. Daran hat man heute noch zu knabbern, teure Spieler sind nicht drin. Vielmehr lautet das Motto: „Jung, dynamisch und von hier.“ Vor einer Rückkehr in Liga eins darf man so aber noch nicht mal träumen.

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