Pleitegeier über Anwalts-Kanzleien

Rechtsanwälte in Mecklenburg-Vorpommern geraten durch schärfer werdenden Wettbewerb unter Druck. Die ersten Kanzleien mussten Insolvenz anmelden.

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15. Juli 2008, 08:47 Uhr

Rostock - Dr. Frieder Gablenz* , Anwalt für Familienrecht in Rostock arbeitete bis zu 14 Stunden täglich. Nach sieben Jahren wurde der 49-jährige Jurist schwer krank, die beiden Kollegen in der gemeinsamen Kanzlei trennten sich von ihm, seine Frau ließ sich scheiden. Der mutige Neuanfang mit eigener Kanzlei ging anschließend schief. Kaum Mandaten, geringe Umsätze, steigende Schulden – Gablenz ging in Insolvenz.

„Ein tragisches Schicksal, aber leider kein Einzelfall“, sagt Franz-Joachim Hofer, Geschäftsführer der mecklenburgisch-vorpommerschen Anwaltskammer. 2007 musste die Kammer sogar drei Anwälten die Zulassung entziehen, weil ihre Kanzleien hoch verschuldet waren. Im Jahr zuvor war es nur ein Rechtsanwalt der wegen so genannten Vermögensverfalls seine Zulassung verlor.

Der Wettbewerbsdruck, der auf den Rechtsanwälten lastet, steigt durch die Juristenschwemme von Jahr zu Jahr. 1990 gab es in Mecklenburg-Vorpommern lediglich 197 Rechtsanwälte. 1997 waren es bereits 1152. Heute kämpfen 1614 Anwälte um die Gunst der Mandanten bei ständig sinkender Bevölkerungszahl.

Der Juristenschwemme steht allerdings ein schrumpfendes Auftragsvolumen an den Gerichten gegenüber. Beispiel Zivilrecht: Wurden laut Statistischem Amt im Jahr 2000 noch 32065 Prozesse vor den Amtsgerichten des Landes geführt, waren es im Jahr 2006 nur noch 24210 Verfahren. „Es ist wenig Geld da“, sagt Hofer. Die Leute streiten weniger.

Viele Anwälte, die in Schwerigkeiten geraten, schließen ihre Kanzlei selbst und warten nicht auf die eigene Insolvenz, berichtet der Geschäftsführer. Die schwierige finanzielle Situation spiegelt eine aktuelle Untersuchung des Instituts für freie Berufe in Nürnberg wider. Danach verdienten in Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr 52,4 Prozent aller Anwälte im Monat weniger als 2000 Euro brutto. „Wer erst anfängt, dem fehlt die Stammkundschaft“, nennt Hofer ein Hauptproblem. Deshalb sind es vor allem alteingesessene Anwälte, deren Kanzleien wirtschaftlich zumeist auf soliden Füßen stehen.

*Name geändert

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