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22. September 2017 | 15:38 Uhr

Pflanzen sind auch nur Menschen

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erstellt am 11.Jun.2010 | 07:27 Uhr

Der deutsche Name des Sparrigen Runzelpeters (Rhytidiadelphus squarrosus) ist von derart großem Liebreiz, dass man ihn gleich in die Arme schließen und beherzt an die Brust drucken möchte. Das aber wäre nur akrobatisch verrenkt möglich. Denn bei dem angeblich so runzligen Gesellen handelt es sich um ein maximal 15 Zentimeter aufragendes, kräftiges Moos, das obendrein - und durchaus zum Leidwesen vieler Gartenliebhaber - in großer Zahl auch beflissen gepflegte Zierrasen bevölkert. Oder vielmehr: erobert.

Kalk gegen Moos?

Das Verhältnis zwischen Gärtnern und Moosen ist - gelinde gesagt - zerrüttet. Deshalb treiben Erstere viel Aufwand, um Letzteren den Garaus zu machen - und das nicht selten mit Kalk, weil die Hobbygärtner irgendwo gelesen haben, dass Torf- und etliche anderen Moose saure Böden mit niedrigem pH-Wert (ein Säuremaß) mögen, aber keine basischen mit hohem pH-Wert, so etwa Kalkböden.

Doch wer dem Sparrigen Runzelpeter mit Kalk zuleibe rückt, wird bald um eine betrübliche Erkenntnis reicher sein. Denn das auf der ganzen Nordhalbkugel verbreitete Moos runzelt darob keineswegs besorgt die Stirn - um es mal so zu sagen -, sondern wächst unbeeindruckt weiter, da es sowohl auf leicht sauren als auch auf nährstoffreichen basischen Böden gedeiht - wie auch das Silber- oder das Brunnenlebermoos. Jedenfalls sei die These völlig absurd, Kalk könne generell gegen Moose helfen, urteilt Michael Breckwoldt, Jahrgang 1959, in seinem die Gärtnerseele aufrüttelnden Ratgeber "Kleines Lexikon der Gartenirrtümer".

Alternativ zum Kalken wie auch zum unsinnigen Einsatz der Chemie-Keule rät der studierte Gartenbauer, verfilzte und moosige Rasen zu vertikutieren. Entstandene. Lücken im Rasen "sollten umgehend mit frischer Saat geschlossen werden", da "Moossporen und Unkrautsamen" möglichst wenig Chancen haben, sich in der Lücke breit zu machen.

Wachstum durch viel Wasser?

Fast 70 Irrtümer bespricht Breckwoldt, Autor mehrerer Gartenbücher, darunter jenen, dass man gut daran tue, frisch ein- oder umgetopfte Pflanzen gut feucht zu halten. Richtig daran ist nur, dass man die nach dem Einkauf aus ihren engen Plastiktöpfchen befreiten Pflanzen nach dem Umtopfen einmal gut gießen sollte - was generell für Gewächse gilt, die in einem größeren Behältnis mehr Wurzelspielraum bekommen haben.

Doch dann ist Breckwoldt zufolge Zurückhaltung angesagt. "Der Grund ist einfach", schreibt der Gartenfachmann. "Etwas Mangel stimuliert das Wachstum der Pflanzen am wirkungsvollsten, vor allem das der Wurzeln." Diese reagierten auf Wassermangel damit, dass sie weiter in die Tiefe vorstießen, um an das dort vermutete lebenswichtige Nass zu gelangen. "Päppelt man frisch getopfte Pflanzen jedoch mit zu viel Wasser, schalten sie auf bequem", fügt Michael Breckwoldt hinzu. Pflanzen sind eben auch nur Menschen.

Dass handelsüblicher Schattenrasen ideal für Gärten mit wenig Sonne oder viel Schattenwurf durch Bäume sei, hält der Gartenfachautor für eine weitere übliche Fehlannahme. "Wer sich im Gartenmarkt umschaut, findet von annähernd jeder Saatgutfirma eine entsprechende Rasenmischung, die vorgibt, bestens für solche Problemstandorte präpariert zu sein", schreibt Breckwoldt: "Leider ist dem nicht so."

Denn dichte Rasen auch im Schatten könne nur eine einzige Grasart bilden, die Lägerrispe (Poa supina). "Doch dieses Supergras wird meist eingespart, weil das Saatgut davon fast zwanzigmal so teuer ist wie dasjenige der anderen Gräser", schreibt Breckwoldt. Deshalb sei die Lägerrispe nur in etwa jeder zehnten handelsüblichen Gräser-Mischung enthalten und dann auch nur "zu höchstens fünf Prozent".

Die restlichen Grasarten seien oft solche, die zwar im Schatten gedeihen, aber keine dichten Rasen bilden könnten. Man kennt das ja: Am Ende wuchern im Schatten ohnehin nur wieder Löwenzahn und Giersch.

Baumschnitt im Sommer?

Zweifel ernten könnte Breckwoldt wohl am ehesten mit seiner Warnung davor, Bäume im späten Winter zu beschneiden. Lange habe es geheißen, "der Februar sei der beste Monat" dafür - dies habe zum "Grundwissen" der Gärtnerzunft gehört, sei aber zum Teil schlicht die Folge davon, dass im Winter mangels anderer sinnvoller Aktionen im Garten viel Zeit für den Baumschnitt bleibe.

Heute sei man klüger. Denn obwohl es stimme, dass im Winter weniger Krankheitskeime durch die Luft flögen, die den Baumschnittwunden gefährlich werden könnten, sei die viel besser geeignete Jahreszeit der Sommer. Das jedenfalls habe das von Professor Dirk Dujesiefken geleitete Hamburger Institut für Baumpflege herausgefunden.

Die Begründung: "Bäume sind gut gegen Verletzungen gewappnet", schreibt Breckwoldt. "Zwischen April und Juni überwallen sie ihre Wunden sehr schnell und ab Mai schotten sie ihre Wunden am effektivsten ab." Der nötige Schutz der Vögel, die im Frühsommer in Baumkronen brüten, laufe allerdings auf einen Schnitt im Spätsommer hinaus.

Zum Schluss noch eine Provokation für Freunde der Gartennostalgie: Keineswegs seien alte Rosensorten immer robuster als moderne, schreibt Breckwoldt. Die Antwort liefert er in seinem gut lesbaren Buch. Michael Breckwoldt: Kleines Lexikon der Gartenirrtümer. Eichborn Verlag, 224 Seiten, 14,95 Euro

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