Peitschenhieb aus Brüssel

Agrar-Ingenieur Jens Stechert im Stall mit 400 Milchkühen: „Ich kann für sichere Jobs nicht mehr garantieren.“ Foto: Hans-Dieter Hentschel
Agrar-Ingenieur Jens Stechert im Stall mit 400 Milchkühen: „Ich kann für sichere Jobs nicht mehr garantieren.“ Foto: Hans-Dieter Hentschel

Die Ernte diesen Sommer liegt 25 Prozent unter den Erwartungen. Die Preise am Markt sind um die Hälfte gefallen. Und jetzt kürzen "die in Brüssel " auch noch die Subventionen. Agraringenieur Jens Stechert muss die Agrar-Produkte eG Spornitz nächstes Jahr mit 180 000 Euro Beihilfe weniger über die Runden bringen. Seine 81 Mitarbeiter sorgen sich um ihre Jobs und die Schweinemastanlage bedarf dringend einer Modernisierung.

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21. November 2008, 11:56 Uhr

Spornitz | Der Sommer war zu trocken, die Ernte blieb 25 Prozent hinter den Erwartungen von Agrar-Ingenieur Jens Stechert zurück. Der 41-Jährige leitet die Geschäfte auf dem landwirtschaftlichen Großbetrieb Agrar-Produkte Spornitz. "8500 Tonnen Roggen, 1600 Tonnen Raps - es war kein gutes Jahr", sagt er. Und für die Feldfrüchte gebe es am Markt viel zu wenig Geld. "Die Preise sind in diesem Jahr schon wieder eingebrochen", sagt er. Bis zu 50 Prozent. "Dabei waren viele Bauern im vergangenen Jahr so euphorisch". Damals hätten sich die Preise gerade wieder stabilisiert.

Und jetzt?
"Jetzt wollen die in Brüssel ihre Agrarpolitik korrigieren - zu Lasten der Großbetriebe", sagt Stechert. Solche Betriebe, wie die Agrar-Produkte Spornitz: 7500 Hektar Land, davon 2300 Hektar Grünland, 1900 Kühe, 700 Sauen, 3500 Mastschweine und 81 Mitarbeiter, die den Großbauernhof bewirtschaften. Im kommenden Jahr muss Stechert wohl mit 180 000 Euro weniger auskommen - das sind mehr als sieben Prozent Beihilfenverlust.

Der Grund: Das Agrarunternehmen zählt mit mehr als 1000 Hektar Ackerland zu den Großbetrieben, und die trifft die EU-Reform härter als kleinere. So erhalten solche landwirtschaftlichen Unternehmen bis 2012 schrittweise 14 Prozent jährlich weniger Zuwendungen. Bekommen Agrarhöfe weniger als 300 000 Euro pro Jahr aus der EU-Kasse, beschränken sich die Verluste auf zehn Prozent. Diese Anteile gelten als Modulation - Umschichtung -, mit der zum Beispiel Umweltprogramme realisiert werden sollen.

Die Kuh frisst mehr als ihre Subvention

"Aber von uns weiß keiner so richtig, wo das Geld tatsächlich versickert", sagt Stechert. Fakt ist für ihn: Die Abzüge belasten sein Budget. Von sicheren Jobs zu sprechen, weigert er sich - seit gestern. "Dabei hinken wir in Sachen Lohnniveau beim Agrarsektor eh schon lange hinter anderen Branchen her", merkt er noch an. Langsam frage sich der Landwirt, ob sich der ursprüngliche Sinn der Subventionen wandle. "Die Direktzahlungen honorieren die gegenüber dem Weltmarkt höheren Standards der Landwirtschaft in Europa bezogen auf jeden einzelnen Hektar", erklärt Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Aber nach den Vorstellungen der EU-Experten fangen beim tausendsten Hektar die Kürzungen an. "Das ist ungerecht", sagt Stechert. Jeder seiner Mitarbeiter bewirtschaftet 100 Hektar im Jahr. Auf reinen Ackerlandhöfen, ohne Viehhaltung, müsse jeder doppelt so viel Land bestellen. "Aber bei uns kommen noch die Tiere dazu", ergänzt er.

Die werden auch subventioniert - eine Milchkuh mit 600 Euro pro Jahr. "Aber so eine Kuh frisst mehr. Das eigentliche Problem sind große Modernisierungen", erklärt Stechert. Eine der Schweinemastanlage muss erneuert werden, aber das Geld behält der Landwirt zurzeit lieber erst einmal in der Kasse.

"Es bleibt am Ende kaum etwas übrig"

Der drohende finanzielle Einschnitt mache vieles erst einmal ungewiss, obwohl es nicht der erste ist. Der letzte, den er in Spornitz miterlebt hat, war 2003 wie ein Peitschenhieb aus Brüssel auf die Bauern Mecklenburg-Vorpommerns niedergegangen. Plötzlich gab es keine produktbezogenen Beihilfen mehr. Die Unterstützungszahlungen werden seitdem pro Hektar geleistet. "Damals mussten wir mit 250 000 Euro weniger auskommen", erzählt Stechert. Das sei auch gegangen. Dennoch habe der Bauernverband solche Bemühungen in Brüssel schon immer für schlecht befunden. Aber mehr als Klage einreichen fällt Stechert auch nicht ein.

Ob sich die Euro nicht durch andere Subventionen - zum Beispiel für seine Schweinemastanlage - zurückholen kann, bezweifelt der Landwirtschaftsexperte: So viel könne er gar nicht investieren. "Es bleibt eng und am Ende kaum etwas übrig", sagt Stechert. Was die Zukunft bringt? Wer könne das schon sagen. "Das ist doch alles Kaffeesetzleserei", meint er.

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