Orgie der Gewalt

Hamburg ist erschüttert: Bis gestern morgen 2.30 Uhr tobten in der Hansestadt Straßenschlachten zwischen mehreren Tausend Rechts- und Linksextremen sowie der Polizei. Steine flogen, Autos gingen in Flammen auf. Ohne das Eingreifen der Polizei hätte es vermutlich Tote gegeben.

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02. Mai 2008, 07:33 Uhr

Hamburg - Zu Hunderten prügeln Rechts- und Linksextremisten aufeinander ein, Passanten werden von Fahrrädern gerissen und niedergeschlagen, Linienbusse attackiert sowie Autos und Barrikaden in Brand gesetzt - bei den schwersten Ausschreitungen seit Jahren ist die Polizei in Hamburg am 1. Mai mit einer neuen Dimension der Gewalt konfrontiert worden. „Wenn sich die Polizei nicht dazwischen geworfen hätte, dann hätte es Tote gegeben“, ist sich Einsatzleiter Peter Born sicher.

Überrascht waren die Einsatzkräfte vor allem von der Gewaltbereitschaft der rund 1500 Rechtsextremisten, die am Donnerstag durch das traditionelle Arbeiterviertel Barmbek zogen. Born sprach von „nackter Gewalt“. „Wie auf Stichwort“ stürzten sich mehrere hundert Neonazis schon beim Anmarsch auf linke Gegendemonstranten und begannen eine wüste Massenschlägerei. „Als die Polizei kam, stob diese aufeinander einschlagende Masse in alle Richtungen davon“, beschreibt Born die Schwierigkeit, Straftäter zu fassen. Hinzu kommt, dass Linksextremisten und sogenannte nationale Autonome optisch überhaupt nicht voneinander zu unterscheiden sind.

„Es war eine Schwere der Gewalt, die wir nicht in vollem Umfang erwartet hatten“, beschreibt Polizeipräsident Werner Jantosch die Situation. Die vielen aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland angereisten Krawallmacher hätten die Lage schwer vorhersehbar gemacht. Auch die Entscheidung des Hamburger Oberverwaltungsgerichts, gegen den Willen der Polizei beide Demonstrationszüge teilweise auf derselben Strecke laufen zu lassen, verschärfte die Lage zusätzlich. „Glücklich wars allemal nicht“, kommentiert Jantosch die OVG-Entscheidung. Kritik am Einsatzkonzept der Polizei weist er zurück. „Eigentlich lagen wir mit unserer Lagebeurteilung gar nicht so weit daneben.“

Von Balkonen und Fenstern aus hatten viele Einwohner Barmbeks am Donnerstag fassungslos verfolgt, wie sich ihre Wohnstraßen und Hinterhöfe für mehrere Stunden in ein Schlachtfeld verwandelten. Schon vor Beginn der eigentlichen Demonstration der Rechtsextremisten hatte eine große schwarze Rauchwolke über dem Stadtteil gestanden, nachdem ein Reifenlager in Brand gesetzt worden war. Auch auf den Gleisen einer S-Bahnlinie hatten Chaoten Feuer gelegt.

Als die rund 1500 NPD-Anhänger ihren Demonstrationszug schließlich mit stundenlanger Verspätung begannen, eskalierte die Lage in Barmbek endgültig: Autos gingen in Flammen auf, hunderte linke Randalierer errichteten Straßensperren, attackierten Geschäfte und griffen die Gäste eines Lokals sowie einen Linienbus an. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein, um Gegendemonstranten von der Route der Rechtsextremisten zu vertreiben. Steine und Feuerwerkskörper flogen dabei massenhaft auf die 2500 eingesetzten Beamten, Polizeihubschrauber kreisten knatternd über der bedrohlichen Szenerie. 30 Polizisten wurden verletzt.

Nachdem sich die Demonstrationen in Barmbek am Abend aufgelöst hatten, kam es im Schanzenviertel in der Nacht zum Freitag zu Zusammenstößen. Dabei gingen nach ersten Angaben zwei Autos in Flammen auf, linke Randalierer warfen mit Steinen. Die Polizei nahm zwei mutmaßliche Täter fest. Noch gestern Morgen zeugten in Barmbek zahlreiche Brandflecken auf den Straßen von den Straßenschlachten. „Der Mob hat sich ausgetobt“, bilanziert Jantosch das Geschehen.

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