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Einzelhandel und Gastronomie setzen auf geringfügig Beschäftigte : Ohne Nebenjob reicht der Lohn nicht

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Das geringe Einkommen zwingt viele Beschäftigte in MV, neben ihrem Hauptjob auf 400-Euro-Basis zu arbeiten. Einem Viertel der geringfügig Beschäftigten in MV reichte der Verdienst im Hauptjob nicht mehr aus.

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erstellt am 10.Jun.2011 | 05:59 Uhr

Schwerin | Mecklenburg-Vorpommerns Beschäftigten wird das Geld knapp: Um über die Runden zu kommen sind immer mehr Arbeitnehmer gezwungen, neben der regulären Arbeit noch einen Minijob anzunehmen. Inzwischen reicht für ein Viertel der geringfügig Beschäftigten der Verdienst im Hauptjob nicht mehr aus, so dass sie auf einen Zuverdienst angewiesen sind. Vor sechs Jahren war es nur jeder Fünfte, ergab eine Datenanalyse der Bundesanstalt für Arbeit durch dpa-RegioData. Knapp 90 000 Minijobber und damit jeder sechste abhängig Beschäftigte in MV hatte im vergangenen Jahr eine Anstellung auf 400-Euro-Basis, davon mehr als 50 000 Frauen. Zum Vergleich: Insgesamt waren im Nordosten 531 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte registriert.

Deregulierungspolitik zu Lasten der Arbeitnehmer

Teilzeit, Minijobs, befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit, Niedriglöhne: Ergebnis der Deregulierungspolitik zu Lasten der Arbeitnehmer, besonders der Frauen, kritisierte DGB-Landesvize Ingo Schlüter die Entwicklung: "Niedriglöhne produzieren solche Entwicklungen." Das geringe Einkommensniveau in Mecklenburg-Vorpommern führe dazu, dass Beschäftigte immer mehr auf Minijobs angewiesen seien, meinte Schlüter und forderte erneut die Einführung eines Mindestlohns von minimal 8,50 Euro. Die mit der Einführung einfacherer Regeln am Arbeitsmarkt gemachten Versprechungen seien nicht eingetreten. Stattdessen gerieten reguläre Arbeitsverhältnisse unter Druck. Der DGB fordere daher, den Arbeitsmarkt wieder stärker zu regulieren.

Einzelhandel, Gastronomie, wirtschaftliche Dienstleister: Die drei Bereiche haben in MV die meisten geringfügig Beschäftigten angestellt. Mit 12 550, 12 533 und 10 015 Beschäftigten standen dort mehr als ein Drittel aller Minijobber im Nordosten auf den Lohnlisten. Im Gesundheits- und Sozialbereich arbeiteten weitere 9000 Frauen und Männer auf 400-Euro-Basis. Auffällig: Für immer mehr Ältere reicht der Verdienst offenbar nicht mehr aus. So ist inzwischen jeder fünfte Minijobber älter als 55 Jahre. Die Altersgruppe verzeichnete im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr die höchste Zuwachsrate, geht aus der BA-Länderanalyse hervor. Auch reicht eine gute Ausbildung an Hoch- oder Fachhochschulen offenbar nicht mehr, Jobs mit auskömmlicher Bezahlung zu finden. So stieg die Zahl Minijobber mit akademischem Berufsabschluss 2010 im Vergleich zu 2009 um 3,3 Prozent auf 2216.

Besonders im Landkreis Mecklenburg-Strelitz, Bad Doberan und Nordwestmecklenburg: In den Regionen ist der Anteil der Minijobber an allen Beschäftigten am höchsten - 18,6, 17,7 bzw. 17,3 Prozent. Die geringsten Quoten haben der Müritzkreis, Wismar und Neubrandenburg zu verzeichnen - 13,5, 13,4, 12,8 Prozent. Gleichzeitig ist der Bedarf an Zuverdienst in Neubrandenburg wie im Landkreis Ludwigslust besonders groß: Fast ein Drittel der 400-Euro-Arbeiter nutzt diese Beschäftigungsform (28,2 und 29,2 Prozent) und verdienst sich noch etwas dazu.

Minijobs im Westen öfter genutzt als im Osten

Allerdings: Im Deutschlandvergleich aller 412 Landkreise und kreisfreien Städte wird deutlich, dass Minijobs im Westdeutschland noch stärker genutzt werden als in den neuen Ländern. In allen ostdeutschen Bundesländern kommen weniger als 17 geringfügig entlohnte Beschäftigte auf 100 Angestellte, im Westen sind es hingegen mit Ausnahme Hamburgs überall mehr als 20, in Schleswig-Holstein sogar über 26. Helmut Rudolph vom Institut für Arbeit und Qualifikation erklärt dies mit der weiterhin dominierenden traditionellen Arbeitsteilung im Westen: "Der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau verdient etwas hinzu." Im Osten seien die Verdienstmöglichkeiten hingegen allgemein schlechter und ein sozialversicherungspflichtiges Einkommen plus 400 Euro reiche häufig nicht aus. Zudem sei es dort zu DDR-Zeiten üblich gewesen, dass Frauen ebenfalls voll verdienen. In Westdeutschland werden 64 Prozent aller Minijobs von Frauen erledigt, in den ostdeutschen Bundesländern liegt der Anteil bei 58 Prozent.

In den vergangenen fünf Jahren ist vor allem die Zahl der Arbeitnehmer, die zusätzlich zu ihrer sozialversicherungspflichtigen Stelle noch einen 400-Euro-Job angenommen haben, deutlich gestiegen. Während sich die Minijobberquote insgesamt zwischen 2005 und 2010 kaum veränderte, stieg der Anteil der 400-Euro-Jobber, die diese Beschäftigungsform als Zuverdienst nutzen, von 28 auf über 34 Prozent. Denn für Teilzeitbeschäftigte kann ein solches Zubrot attraktiv sein, weil darauf keine Steuern und Sozialversicherungsbeiträge anfallen. Doch dies räche sich dann bei der Rente, sagt IAQ-Wissenschaftler Rudolph. Denn durch den vom Arbeitgeber entrichteten Pauschalbeitrag zur Rentenversicherung erwerben 400-Euro-Jobber nur sehr geringe Rentenansprüche.

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