Projekt zur Fortbildung von Kontaktlehrern : Ohne "Kulturschock" zur Ausbildung

Berufsorientierung beginnt an der Eldetalschule Domsühl in der fünften Klasse, sagt Lehrer Burghard Engel. Für die 5b steht gerade Technisches Zeichnen an.  rüdiger rump
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Berufsorientierung beginnt an der Eldetalschule Domsühl in der fünften Klasse, sagt Lehrer Burghard Engel. Für die 5b steht gerade Technisches Zeichnen an. rüdiger rump

Die Schuldzuweisungen, dass ein Großteil der Schulabgänger schlecht auf das Berufsleben vorbereitet ist, kann Engel nicht mehr hören. Der Lehrer sieht den richtigen Weg im Projekt zur Fortbildung von Kontaktlehrern.

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09. November 2010, 11:51 Uhr

Die Schule muss mit Sicherheit was tun, die Wirtschaft aber auch. Der Fachkräftemangel, der sich jetzt abzeichnet, ist doch erst der Anfang."

Als richtigen Schritt sieht Engel deshalb das Projekt zur Fortbildung von Kontaktlehrern für die Berufs- und Studienorientierung, das vom Bildungswerk der Wirtschaft in MV und der Landes arbeitsgemeinschaft Arbeit und Leben auf den Weg gebracht wurde. Die Pädagogen erhalten Einblicke in Betriebe und wirtschaftliche Kreisläufe, lernen vor allem auch die Anforderungen an künftige Auszubildende kennen.

So führte das Projekt jetzt 30 Lehrer aus ganz Westmecklenburg vier Tage lang in Unternehmen unterschiedlichster Branchen: Hydraulik Nord in Parchim, Tchibo, Agrargenossenschaften in Lübesse und Banzkow, Treppenbau Derstappen in Lützow, Holzwerkstoffe Egger in Wismar, Nordex in Rostock. Burghard Engel ist begeistert: "Wir bekamen viel zu sehen, das war sehr interessant. Kompetente Leute haben erklärt, was sie von den Azubis erwarten und wie sie die auswählen. Beeindruckt haben mich auch die beiden Lehrlinge, die uns bei Hydraulik Nord durch die Werkhallen führten. Sie sind richtig stolz auf ihre Arbeit, das war zu spüren."

Am Ende der Weiterbildung soll jede Schule ein Konzept zur Berufsfrüh orientierung erarbeiten. "Wir sind schon relativ weit und haben das jetzt vorgestellt", erzählt Burghard Engel. "Unsere Schule hat sich vorgenommen, in der fünften Klasse mit der Berufsorientierung anzufangen, erst in kleinen Schritten, zum Beispiel am Wandertag, und dann immer konkreter." Praxislerntag und Praktikum sind nur zwei Stichworte. Auch in den Freizeitangeboten der Ganztagsschule findet sich diese Thematik wieder.

Ab der achten Klasse wird ein

Berufswahlpass geführt, ein bundesweit einheitliches Regelwerk, das die Koordinierungsstelle "ParMa" gesponsert hat. Das Parchimer Übergangs management Schule - Beruf hat Domsühl als Pilotschule zur Berufsfrühorientierung ausgewählt. Und mit einem Griff hat Burghard Engel ein Buch zur Hand, das sämtliche Ausbildungsberufe in Deutschland auflistet und beschreibt.

Bei der Sichtung der Lehrstellen bewerber würden die Betriebe Abstriche hinsichtlich der Zensuren machen, hat der Lehrer der Eldetalschule, der in

Lübesse zu Hause ist, in den Gesprächen vor Ort herausgehört. "Aber bestimmte Dinge müssen einfach sein. In der Agp Lübesse zum Beispiel wurden Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit genannt", sagt der 36-Jährige. Dass die Auswahl nicht vordergründig nach dem Zensurendurchschnitt erfolgt, bestätigt auch Peter Sander, Personalleiter der Hydraulik-Nord-Gruppe, zu der 19 Tochtergesellschaften mit 1400 Beschäftigten und

100 Auszubildenden gehören. "Für uns sind die Noten in den Fächern wichtiger, die zum Beruf führen, wie Mathe, Physik und AWT bei den gewerblich-technischen Berufen. Und das, was wir unter sozialer Kompetenz verstehen."

Sander zeigt sich sehr angetan von den Gesprächen mit den Lehrern. "Das war ein ersprießlicher Meinungsaustausch. Wir konnten gegenseitige Befindlichkeiten ausloten und hören, welche Probleme es in den Schulen gibt. Ihre Möglichkeiten, detailliert Berufsbilder zu vermitteln, sind begrenzt. Das funktioniert gemeinsam besser. Wenn Lehrer wissen, wie die Uhr im Industrieunternehmen tickt, welche Voraussetzungen Schulabgänger mitbringen müssen, können sie herausfinden, wer für welche Richtung in Frage kommt, um den jeweiligen Betrieb gezielt kennen zu lernen. Dafür bieten wir zum Beispiel Praktikumsplätze in den Ferien an." Dabei würden auch Illusionen abgebaut. Viele Schüler erlebten einen "Kulturschock", wenn sie zum ersten Mal in einen Betrieb kommen. Die Ausbildung beginne mit einfachen Dingen, um Grundfertigkeiten zu erlangen, weiß Peter Sander. Auch wer später mit Hightech hochwertige Präzisionsteile im My-Bereich fertige, "muss zuerst am Schraubstock stehen und rechte Winkel feilen".

Dem Personalchef war es auch wichtig "rüberzubringen, dass es in der Region gute Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten gibt". Niemand müsse in den Westen gehen, um einen attraktiven

Beruf zu erlernen. Für Gymnasiasten biete sich die duale Ausbildung in Betrieb und Hochschule an. Die Resonanz sei noch recht verhalten, "weil der Studiengang an den Schulen offenbar zu wenig bekannt ist". Hier schließe sich der Kreis zur Berufsorientierung, die früher als in der 9. Klasse beginnen und bei der das

Elternhaus einbezogen werden sollte. Und noch eines sei dabei ganz wichtig: Die Schüler sollten nicht nur auf Bewerbungsgespräche vorbereitet, sondern

auch beraten werden, welcher Beruf gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt bietet, um den Lebensunterhalt zu verdienen, und der Spaß macht.

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