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Halb so viele Stellen genehmigt wie vor einem Jahr : Ohne Euro-Jobber droht soziale Krise

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Die Zahl der Ein-Euro-Jobs in Westmecklenburg ist dramatisch zurückgegangen. Gab es vor einem Jahr rund 3500 Stellen, sind es heute knapp 1800. Fast jeder zweite Job wurde gestrichen. Es gibt wenig Hoffnung auf Änderung.

svz.de von
erstellt am 23.Dez.2011 | 12:10 Uhr

Wenn Lieselotte Kracht (82) und Maria Förtsch (80) mal einen kleinen Ausflug unternehmen wollen, dann sind sie auf den Rollstuhl angewiesen. Die beiden Damen aus dem Augustenstift freuen sich deshalb, dass es Kirsten Schmid und Petra Kohlwey gibt. Die Ein-Euro-Jobberinnen vom Arbeitslosenverband kommen regelmäßig in die Schäferstraße, um die Seniorinnen zu begleiten, mit ihnen zu plaudern und etwas Abwechslung in ihren Alltag zu bringen. Auch Schmid und Kohlwey sind froh. "Wir haben eine Aufgabe und helfen, wo wir gebraucht werden", sagen die 54 und 55 Jahre alten Frauen. Aber wie lange wird es das Angebot des Arbeitslosenverbandes noch geben?

Die Zahl der Ein-Euro-Jobs in Westmecklenburg ist dramatisch zurückgegangen. Gab es vor einem Jahr noch rund 3500 Stellen, sind es heute nur noch etwa 1800. Fast jeder zweite Job wurde also gestrichen. Und der Leiter der Schweriner Arbeitsagentur, Dirk Heyden, macht Trägern und Betroffenen wenig Hoffnung, dass sich die Situation im kommenden Jahr verbessern wird. Im Gegenteil: "2012 stehen uns noch einmal rund 20 Prozent weniger Mittel für ar beits marktpolitische Maßnahmen zur Ver fügung", so Heyden. Allerd ings sei auch die Zahl der Erwerbslosen deutlich zurück gegangen. Gesetzlichen Vorrang habe die Aktivierung für den ersten Arbeitsmarkt, Ein-Euro-Jobs könnten nur noch an Hartz-IV-Empfänger mit mehreren Vermittlungshemmnissen vergeben werden, erklärt der Agentur-Chef.

"Es gibt eine große Unsicherheit", berichtet der Geschäftsführer der Schweriner Zukunftswerkstatt, Axel Höhn. Mit im Schnitt 130 Ein-Euro-Jobbern plane das gemeinnützige Unternehmen im kommenden Jahr. Von Archivarbeiten bis zur Denkmalpflege reiche die Palette der Tätigkeiten, so Höhn. Ob alle Plätze aber auch besetzt werden könnten, sei derzeit völlig unklar. "Über jeden Antrag entscheidet das Jobcenter im Einzelfall."

Von der Reduzierung der Ein-Euro-Job-Stellen bereits betroffen ist die Arbeiter wohlfahrt. "Nicht im sozialen Bereich, aber zum Beispiel bei der Miniaturstadt in Lankow", berichtet Axel Mielke, Chef der Awo Soziale Dienste gGmbH. Viele Erwerbslose hätten beim Bau der Modellhäuser in den vergangenen Jahren eine sinnvolle Beschäftigung gefunden. Nun werde "Lütt Schwerin" nicht mehr so schnell wachsen, so Mielke.

Die Schweriner Tafel, die Bedürftige mit kostenlosen Lebensmitteln versorgt, hat auf die veränderte Fördersituation schon reagiert. "In der Landeshauptstadt konnten wir auf das Instrument der Bürgerarbeit umsteigen", sagt Tafel-Vorsitzender Peter Grosch. Ein-Euro-Jobber gäbe es aber sehr wohl noch in den Außenstellen der Tafel in der Region.

Silvia Piechowski vom Arbeitslo senverband betrachtet die Pläne für weitere Kürzungen bei den Ein-Euro-Jobs mit sehr gemischten Gefühlen. "Viele Projekte stehen auf der Kippe." Piechowski bangt um die soziale Infrastruktur, wenn Träger bestimmte Angebote ohne Förderung nicht mehr aufrechterhalten können. "Mit Ehrenamtlichen allein lässt sich beispielsweise unsere Seniorenbetreuung nicht machen", betont sie.

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