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Oder ergießt sich in den Nationalpark

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erstellt am 28.Mai.2010 | 08:01 Uhr

Schwedt/Oder | Die Nachricht des Tages von der Hochwasserfront: Beide Polder im Nationalpark "Unteres Odertal" werden geflutet. Nachdem die Behörden sich am Donnerstag noch zögerlich zeigten und die Flutung des Polders nördlich von Schwedt wieder aufschoben, öffneten sich gestern die Wehre nördlich und südlich der Oderstadt.

14.45 Uhr, drei Kilometer nördlich der Schwedter Querfahrt: Mit dem bloßen Auge kaum erkennbar, so langsam zieht das Wehr in die Höhe. Nur das beginnende Brodeln des Wassers verrät, dass die Flut beginnt, sich in den Wiesen des Polders zehn auszubreiten, die hier 1,20 Meter tiefer als der momentane Oderpegel liegen. Ein Naturschauspiel, das die Anwohner sonst nur im Winter erleben: Eine Verordnung des Reichsinnenministeriums von 1932 regelt, dass die Polder zwischen November und April geöffnet werden, damit sich das Winterhochwasser ausbreiten kann. Die letzte Flutung im Sommer fand 1997 anlässlich der Jahrhundertflut auf der Oder statt.

Minuten später drängen die Fluten mit ungeheurer Wucht ins Odervorland. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und der Präsident des Landesumweltamtes Matthias Freude beobachten das Geschehen. "Wir fluten heute beide Polder, um vor allem die Stadt Stettin und die auf der polnischen Seite liegenden Kommunen des Odertals zu entlasten", sagt Freude. 4500 Hektar Fläche werden unter Wasser gesetzt. Sie können bis zu 85 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. "Damit wird der Pegel flussabwärts Richtung Stettin um bis zu 20 Zentimeter gesenkt, vor Ort erwarten wir eine Entlastung zwischen fünf und zehn Zentimetern."

"Hier zählt jeder Zentimeter"

Auf der polnischen Seite, direkt an der Schwedter Stadtbrücke, wo sich die Häuser bis dicht an das nicht eingedeichte Flussufer heranschieben, haben Einsatzkräfte in den letzten Tagen in fieberhafter Eile einen provisorischen, mit Folie abgedeckten Deich errichtet. "Für uns ist die Flutung der Polder ein Segen. Hier zählt jeder Zentimeter, den der Pegel sinkt", sagt einer der Arbeiter.

Ministerpräsident Platzeck ist guter Hoffnung, dass Brandenburg das Hochwasser ohne größere Blessuren übersteht. "Bei aller gebotenen Vorsicht denke ich, dass wir diesmal glimpflich davonkommen." Zwar seien die Deiche noch nicht überall erneuert , "insofern hätte das Hochwasser lieber in anderthalb Jahren kommen sollen, aber sie werden unserer Einschätzung nach halten". Eine aktuelle Deichbaustelle zwischen Criewen und Zützen sei gesichert worden. Und ein Altdeich bei Friedrichsthal, der noch nicht erneuert wurde, sei auch stark genug. "Natürlich müssen wir die Situation ununterbrochen beobachten, um bei Gefahren schnell reagieren zu können", erklärt er.

Bereits 1997 hat das vor mehr als 100 Jahren eingerichtete System der Überflutungspolder das Untere Odertal vor dem Hochwasser gerettet. Dadurch, dass sich die Fluten auf einer gigantischen Fläche ausbreiten können, verringert sich der Druck auf die Deiche um ein Vielfaches. Ein ähnliches Poldersystem soll in der Neuzeller Niederung geschaffen werden, kündigte Platzeck an. In der Nacht zu gestern hatte sich in dieser Niederung ein Riss im Deich gebildet, der allerdings sofort durch Sandsäcke abgedeckt worden war.

Scheitel passiert Ratzdorf

Der Hochwasserscheitel erreichte gestern Ratzdorf im Landkreis Oder-Spree. In der Uckermark wurden fünf Abfüllstationen für Sandsäcke eingerichtet - in Stolpe, in Criewen, an der Schwedter Querfahrt und in Gartz. Das Betreten der Deiche ist seit gestern 15 Uhr nur noch Einsatzkräften erlaubt.

Erfüllen sich die Hoffnungen der Politiker auf einen glimpflichen Verlauf, sind die gut 30 Landwirte, die das Grünland im Nationalpark bewirtschaften, die einzigen Leidtragenden der Flut. Sie werden ihre Flächen in den kommenden Wochen nicht nutzen können. Wie lange, das vermag momentan noch niemand abzuschätzen.

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