Anwohnerprotest bleibt ungebrochen : Obdachlose: Wirbel in der Weststadt

Politiker dafür, Nachbarn dagegen: In die ehemalige Kita Kirschblüte könnte die Wohnungslosenunterkunft einziehen.Klawitter
Politiker dafür, Nachbarn dagegen: In die ehemalige Kita Kirschblüte könnte die Wohnungslosenunterkunft einziehen.Klawitter

In der Debatte um den neuen Standort der Schweriner Unterkunft für Wohnungslose haben sich die Fachgremien jetzt für die ehemalige Kita Kirschblüte im Mittelweg 9 ausgesprochen.

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11. Februar 2011, 07:00 Uhr

Schwerin | In der Debatte um den neuen Standort der Schweriner Wohnungslosenunterkunft haben sich die Fachgremien jetzt für die ehemalige Kita Kirschblüte im Mittelweg 9 ausgesprochen. Auf einer gemeinsamen öffentlichen Sitzung votierten Finanz-, Ordnungs- und Sozialausschuss am Donnerstagabend im Demmlersaal mehrheitlich für den Vorschlag der Verwaltung. Der Bauausschuss hatte schon vorher grünes Licht gegeben. Das letzte Wort hat allerdings die Stadtvertretung.

Der Protest vieler Anwohner der Weststadt hält indes an. Nachdem sie bei der Sitzung im Rathaus kein Rederecht erhielten, verließen einige empört den Saal. Unter ihnen Dr. Klaus Oberloskamp, der darauf hinweist, dass sich etwa 200 Meter von der ehemaligen "Kirschblüte" eine Kindereinrichtung befindet: Im Mittelweg 3 hat die private Kita "Entdeckerland" eine Halle angemietet, in der sich morgens und nachmittags Kinder tummeln. Obdachlose, die auf ihrem Weg Richtung Stadt an diesem Haus vorbeikommen, könnten für die Kinder "beängstigend oder schockierend" sein, so Oberloskamp.

Ihrem Unmut machten weitere Weststädter auf einer Einwohnerversammlung gestern Abend in der Aula des Goethe-Gymnasiums Luft. Vorangegangen waren Unterschriftensammlungen im Stadtteil sowie Briefe an und Gespräche mit Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow. Der Ortsbeirat hatte seine Bedenken wegen möglicher Belästigung durch Alkohol, Streit, Lärm oder zerschlagene Flaschen geäußert (SVZ berichtete) und einen Auflagenkatalog für den Fall des Umzugs der Wohnungslosenunterkunft angehängt, in dem u. a. Straßenbeleuchtung, Neubau des Bordsteins, Sicherstellung von Straßenreinigung und Winterdienst aufgelistet sind.

Die Verwaltung nehme die Sorgen der Weststädter ernst, man wundere sich aber, dass Forderungen wie mehr Licht, Sauberkeit und reparierte Bordsteine nicht schon aufgestellt wurden, als noch täglich Kita-Kinder den Mittelweg frequentierten.

"Ich möchte eine Bresche für die Wohnungslosen schlagen, die sich am unteren Rand unserer Gesellschaft bewegen und keine Lobby haben", sagte Gret-Doris Klemkow, SPD-Stadtvertreterin im Sozialausschuss. "Sie sind trotz all ihrer Schwierigkeiten Menschen, denen wir die Hand reichen sollten und nicht behandeln, als seien sie Verbrecher." Für dieses Statement gab es Applaus von den Ausschuss-Kollegen.

Stev Ötinger, FDP-Stadtvertreter und Ortsbeiratsvorsitzender auf dem Großen Dreesch, machte hingegen deutlich, dass die Klientel der Wohnungslosenunterkunft durchaus auch problematisch sei. Seit 18 Jahren werden Wohnungslose in der Anne-Frank-Straße betreut. "Es ist Unsinn zu glauben, dass man nicht mitkriegt, dass sie da sind", so Ötinger. "Meistens spielt sich ihr Leben aber rund um einen Nahversorger ab, bei uns auf dem Dreescher Markt."

Die aktuelle Unterkunft in zwei maroden Plattenbauten in der Anne-Frank-Straße verschlingt laut Verwaltung jährlich rund 320 000 Euro Betriebskosten. Einer der beiden Blöcke ist leer und steht nur noch, weil dort die Heizungsanlage untergebracht ist. Der Millionen verschlingende Abriss der Gebäude wird aber nur noch jetzt vom Bund gefördert, später würde die WGS die enormen Rückbaukosten allein aufbringen müssen. Über einen Verbleib der Wohnungslosenunterkunft am jetzigen Standort, wie von Ausschussmitglied Dr. Hagen Brauer (CDU) vorgeschlagen, wollten die meisten Stadtvertreter deshalb gar nicht mehr diskutieren.

Wer die Wohnungslosenunterkunft betreiben soll, wenn sie denn in die Weststadt umzieht, das soll erst nach der Standortfrage geklärt werden. Eine entsprechende Verwaltungsvorlage mit Leistungsbeschreibung sei in Arbeit, ein Konzeptwettbewerb, an dem sich mehrere Betreiber beteiligen können, wird derzeit favorisiert. Wenn alles glatt läuft, rechnet Sozialdezernent Dieter Niesen damit, dass die Wohnungslosenunterkunft Ende dieses Jahres in die bis dahin umgebaute alte Kita "Kirschblüte" umzieht.


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