Notizen aus der Provinz

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck (l.) diskutierte in Wolgast während seines Besuches auf der Peene-Werft mit einem Lehrling im Ausbildungszentrum. Er bereiste das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Foto: ddp
Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck (l.) diskutierte in Wolgast während seines Besuches auf der Peene-Werft mit einem Lehrling im Ausbildungszentrum. Er bereiste das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Foto: ddp

Kurt Beck, der SPD-Chef, in Güstrow. Als Helmut Schmidt 1981 hier war, war er Kanzler. Beck ist davon weit entfernt, er hat Clement und Ypsilanti. Schweres Fahrwasser in Berlin, Leichtigkeit in der Provinz. Kurt Beck kann Provinz gut, Hauptstadt weniger. Beobachtungen in Güstrow.

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05. August 2008, 10:14 Uhr

Güstrow - Respektlos. „Ist Mecki schon gesichtet worden“, fragt der Journalist seinen Kameramann, und der verneint. Im schnieken Bürgerhaus in Güstrow wartet man gespannt auf den Mann, über den man sich so leicht lustig machen kann. SPD-Chef Kurt Beck kommt zum Treffen, das die SPD-Werbestrategen „Deutschland-Dialog: Nah bei den Menschen“ genannt haben.

„Mecki“ also. Der Mann aus der rheinland-pfälzischen Provinz, wo man lieber Wein als Lübzer trinkt und Dinge wie Saumagen isst, der schon Alt-Kanzler Kohl einen besonderen Ruf eingetragen hat. Kurt Beck, der so viele Probleme in der Hauptstadt Berlin hat, aber zu Hause eine absolute Mehrheit. Mit – kaum zu glauben – „seiner“ angeschlagenen SPD.

Beck sagt Sätze, die gehen runterwie Öl
Man will Beck sehen, hören, vielleicht anfassen, wenn er hier in Güstrow an diesem Montag so nah bei den Menschen ist, dass das Bürgerhaus glatt ein paar Grad wärmer ist, als es das Wetter alleine schaffen könnte. Viele sind hier, die sich in der Kommunalpolitik einsetzen. Fürs Gemeinwohl, aus persönlichem Interesse, oder schlicht des eigenen Egos wegen. Kurt Beck wird allen am Ende Respekt und große Dankbarkeit für ihre Arbeit zollen. Er braucht sie, aber er meint es auch sonst so.

Beck sagt Sätze, die gehen den Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern runter wie Öl: „Hier gibt es mehr gute Zeichen der Entwicklung als Herausforderungen“ zum Beispiel. Oder: „Die Ausbildung in Ostdeutschland ist auf einem besseren Stand als im Westen“ und „Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren – und hier sage ich gern dazu: Liebe Genossen!“ Das hört man gern in Güstrow, und bedenkt derartige Sätze des Vormanns auch mit artigem Applaus. Das Frenetische ist nicht norddeutsch, und Beck – das sagen auch Wohlmeinende – ist weder ciceronischer Redner noch Volkstribun.

Im Übrigen kommt der SPD-Chef in Güstrow günstig davon. Es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte er den Namen Clement gar nicht in den Mund nehmen müssen. Keine Frage aus dem Saal zielt in Richtung auf den Namen, der für die derzeit heftigste Prüfung der organisierten Sozialdemokratie in Deutschland steht. Vielleicht für eine Zerreißprobe, an deren Ende der gleiche Aderlass am linken wie rechten Flügel der Partei steht. Dann nämlich, wenn der frühere Superminister Wolfgang Clement so stur bleibt, wie er eben ist, der Rauswurf nicht mehr verhindert werden kann, und der Reformflügel bröselt, weil Clement nun einmal für die Agenda 2010 und den Schröderschen Reformkurs steht wie nur wenige andere in der SPD. Wenn dann noch Andrea Ypsilanti in Hessen – und es spricht vieles dafür – einen neuen Anlauf auf Rot-Rot unternimmt und scheitert, gibt es eine Erosion auch am linken Rand. Armer Beck.

In Güstrow läuft es aber erst einmal. Der Parteichef traut sich, und sagt dann doch noch etwas zu dem Thema, das zwischen Bauordnungsfragen und Schulthemen, zwischen Energiekosten- und Lohnentwicklung jenseits von Güstrow in der übrigen Republik als Top-Thema gilt. „Manchmal stolpern wir über unsere eigenen Füße“, sagt Beck und meint das Gerangel zwischen Schiedsrichtern in Nordhrein-Westfalen, die Clement lieber heute als morgen feuern würden, und der Führung der SPD, die die Gefahr der Spaltung erkannt hat. Richtig laut wird der Parteichef, als er doch noch namentlich vom „Fall Clement“ spricht, der auf jeden Fall kein Richtungsstreit sei. „Völliger Blödsinn“ sei allein der Gedanke, ruft Beck regelrecht in den Saal, was seine Einschätzung aber nicht richtiger macht. Die SPD steckt tief in einem Richtungsstreit, und der ist von Clement offenbar auch gewollt.

„Manchmal stolpern wir über unsere eigenen Füße“
Kurt Beck weiß das natürlich. Es geht ihm vor allem um die Partei, wenn er mit Blick auf den Fall Clement immer wieder „Augenmaß und Besonnenheit“ von den Genossen einfordert und vom „Brücken bauen“ spricht. Doch es sieht nicht so aus, als gehe Clement über von Parteifreunden mühsam zusammengenagelte Brücken, er macht vielmehr klar, dass jedenfalls er sich in einem handfesten Richtungsstreit wähnt, wenn er sagt: „Was sie verlangen, ist ein Maulkorb selbst für den Fall, dass irgendeine SPD-Führung mit der Linkspartei/PDS zusammengeht. Das mache ich auf keinen Fall mit.“
Da kann Beck in Güstrow in den Saal rufen, was er will. Das meint auch die Schweriner Landtagsabgeordnete Martina Tegtmeier: Sie nutzt in Güstrow die Gunst der Stunde und sagt – nervöser als nötig – in die Kamera des „Heute Journals“, dass sie die Ansicht ihres Vorsitzenden Beck nicht teilt, sie Clement lieber in die Wüste schicken würde. Ihr ebenfalls befragter Tischnachbar hingegen führt vor allem das Zerreißpotenzial des Falles für seine vorsichtigere Beurteilung an. Ganz auf Linie Beck.

Für den Parteichef gibt es am Ende Applaus und vielleicht eine Wurst. Er kann „mit de Leit“, hat mit dem klaren Bekenntnis zum Mindestlohn, dem „korrigierten Agenda-Kurs“ und seinem Appell, als Sozialdemokrat selbstbewusst zu sein, auch wenn man „in einer Koalition immer Federn lassen muss“, gepunktet. Nur die Sorgen der Mecklenburg-Vorpommern mit der NPD parierte er zu allgemein und floskelhaft, um sich dann aber über die klare Forderung nach einem Parteiverbot doch noch Applaus zu holen.

Einer wie Kurt Beck im kurzärmeligen Hemd mit Schlips, einem taubenblauen, unspektakulären Anzug fühlt sich offenbar wohl in der Provinz, hat hier wahrscheinlich wirklich Nähe zu den Menschen, wie es der Slogan seiner Werber nahelegt. „Schicki-Micki“-Berlin und die „Bussis“, sagt man in seiner Umgebung, passen nicht zu dem Mann, dessen „Meerschweinchen-Haare“, wie seine Frau sie nennen soll, in gemessen an der Restfrisur zu langen Büscheln über den Hemdkragen stippen.

Vielleicht spricht man später einmal anders über den Genossen Kurt Beck, der es damals so schwer hatte mit den Ypsilantis und Clements dieser Welt. Vielleicht steht sein Name einmal für einen Politiker-Typus, den irgendwann keiner mehr wollte, weil er als provinziell galt und über den man in der schicken Hauptstadt lachte. Solche Typen werden spätestens dann wieder wertvoll, wenn man hinter glatten Fassaden und „Yes-we-can“-Sprüchen nicht mehr erkennen kann, für was die Mainstream-Gesichter mit ihrer flotten Mehrheit eigentlich stehen. Auch daran denkt man, wenn man Beck in Güstrow sieht.

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