Notarzt, Helfer und Anwalt erinnern sich

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03. Juni 2008, 10:59 Uhr

Der THW-Helfer


Sven Wittenberg kannte die Bilder natürlich aus den Nachrichten. Doch als er am 6. Juni 1998 in seiner blauen Arbeitskleidung selbst am Ortsrand von Eschede stand, war er schockiert. Auch drei Tage nach dem ICE-Unglück bot sich ihm ein Bild der Verwüstung. Überall lagen Trümmerteile in der Landschaft verstreut, zahlreiche Helfer sammelten den tonnenschweren Schrott in der sengenden Juni-Sonne ein.

Gemeinsam mit 17 anderen THW-Helfern stand der damals 21-Jährige zunächst etwas ratlos umher. „Wo man auch hinsah, überall lagen kaputte Türen, herausgerissene Sitze und Tische“, sagt Wittenberg heute. Mit vier Kollegen musste rund 500 Liter Diesel in Kanistern zur Unfallstelle tragen, um die Generatoren und das Bergungsgerät zu versorgen. Danach sollten die THW-Helfer beim Beseitigen der Trümmer helfen. „Man wusste gar nicht, wo man anfangen sollte. Es war ein einziges Chaos“, berichtet Wittenberg. „Die Türen des ICE waren sogar ohne die Scheiben noch so schwer, dass wir sie selbst zu viert nur gerade so hoch heben konnten“, erinnert er sich. Sven Wittenberg musste einen Sandhaufen am Unglücksort durchharken. Immer wieder habe er „nicht identifizierbare sandige Klumpen“ gefunden. Alle zwei Stunden sollten er und seine Kollegen eine Pause machen, um die Eindrücke zu verarbeiten.

Einige Stunden später sollte Sven Wittenberg an einer anderen Stelle, um dort Sand durchharken. Noch während der damals 21-Jährige damit beschäftigt war, fanden andere Helfer in dem zuvor von ihm bearbeiteten Sandberg die untere Hälfte eines menschlichen Körpers. „Ich weiß nicht, ob ich damit zurecht gekommen wäre, wenn ich diesen halben Körper entdeckt hätte“, sagt er heute. „Ich stand da quasi auf einer Leiche, das steckt man schon nicht so einfach weg.“


Der leitende Notarzt


Sie waren einer der ersten Ärzte am Unfallort. Wie war die Situation dort?
Hüls: Das war unvorstellbar. Darauf kann sich selbst alsNotarzt nicht vorbereiten.
Wie verkraftet man das?
Hüls: Während des Einsatzes war ich geschützt durch meine Arbeit. Ich hatte ständig zu tun, da blendet man seine Emotionen weitgehend aus. Bis man zur Ruhe kommt...

Mit wem haben sie über das Erlebte gesprochen?
Hüls: Meine Frau war OP-Schwester, wir unterhalten uns oft über meine Arbeit. Natürlich spreche ich auch mit Kollegen über Einsätze, die mich belasten. Das ICE-Unglück war ein außergewöhnliches Ereignis. Ich habe mit anderen darüber ein Buch geschrieben.

Der Rettungseinsatz hat trotz des Unfallausmaßes gut funktioniert – warum?
Hüls: Dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst hatten wir optimale Bedingungen. Vom Wetter angefangen, bis hin zur Tatsache, dass der Unfall am Ortsrand und direkt an einer Straße passiert ist. Deshalb waren schnell viele Einsatzkräfte vor Ort. Und es gab kaum Kompetenzgerangel. Natürlich wurden auch Fehler gemacht.

Zum Beispiel?
Hüls: Der leitende Notarzt sollte eine Einsatzleitung aufbauen und die sollte dann auch als solche zu erkennen sein. Wir haben den Einsatzleitwagen primär hinter einer Halle positioniert, um anderen Rettungskräften nicht im Weg zu stehen. Das war falsch. Man muss präsent, erkennbar sein. Eschede war kein Mustereinsatz.

Wollten Sie nicht zwischendurch mal weg vom Unfallort?
Hüls: Ja, ich wollte direkt wieder weg, als ich dort angekommen war. Ich stand auf dem Brückenkopf, überrascht und auf eine gewisse Weise auch fasziniert von der Szenerie. Da lag ein völlig zerfetzter ICE vor der Brücke und ich als leitender Notarzt sollte den Super-GAU richten. Da habe michgefragt: Was machst du hier?


Der Anwalt


Am Ende war es eine rein emotionale Entscheidung für Anwalt Reiner Geulen. Sollte er die Opfer des ICE-Unglücks im Prozess gegen drei Ingenieure der Deutschen Bahn als Nebenkläger vertreten? Schließlich war ein langwieriger, schwieriger Prozess zu erwarten. Die Entscheidung von Geulen fiel erst bei einem Treffen mit Bahn-Chef Hartmut Mehdorn.

Dieses Treffen „war so entsetzlich, dass ich danach beschloss, den Hinterbliebenen der Todesopfer und den Verletzten zu helfen“, sagt Geulen. Ein nüchterner Raum sei es gewesen, in dem der Anwalt, der Sprecher der Opfer, Heinrich Löwen, und eine bei dem Eschede-Unglück schwer verletzte Frau empfangen wurden. „Wir hatten einige Hoffnungen in das Gespräch gesetzt“, berichtet Geulen. „Als Mehdorn schließlich den Raum betrat, sah er niemanden an und sagte nur: “Ich kann nichts mehr für Sie machen. Die Toten werden nicht wieder lebendig.“ Ein Satz, der Geulen bis heute nicht aus dem Kopf geht.

Der Bahn-Chef habe die drei Gäste regelrecht abgefertigt. „Dabei stand die Schuldfrage gar nicht im Raum“, sagt Geulen. Es sei lediglich darum gegangen, dass die Bahn als Institution und Dienstleister Verantwortung übernimmt. Und vielleicht ihr Mitgefühl gegenüber den Opfern ausspricht. „Die Bahn hingegen hatte den Standpunkt: Juristisch können wir das prüfen. Reden Sie mit unserem Versicherer“, sagt Geulen. Zeitweilig hatte der Anwalt gar den Eindruck, als fühle sich die Bahn als Opfer.

„Ich würde sagen, es ist nie zu spät“, sagt Anwalt Geulen. Auch nach zehn Jahren könne sich die Bahn noch für ihr Verhalten entschuldigen. „Aber es wird immer schwieriger“, fügt er nachdenklich hinzu. Im Mai 2003 stellte das Gericht nach 53 Prozesstagen das Verfahren gegen eine Geldbuße ein. „Einer der Angeklagten sagte halblaut: Jetzt ist der Scheiß endlich vorbei“, berichtet Geulen und ergänzt:. „Strafjustiz und Bahn haben gegenüber den Opfern versagt.“

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