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Christa Wolfs Text und Hartwig Hamers Grafiken : Nicht kein Ort

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Christa Wolfs „Sommerstück“ ist neu erschienen und mit Radierungen von Hartwig Hamer kongenial ergänzt. Nach mehr als 20 Jahren und anderer Gesellschaftsordnung lesen wir den Text mit anderen Augen.

Literatur bleibt nicht von allein im Bewusstsein der Leser; sie am Leben zu erhalten ist auch eine dauerhafte verlegerische Aufgabe. Christa Wolfs sehr persönlichen Text "Sommerstück" haben wir im Schicksalsjahr 1989 mit Bewegung gelesen und darin bestätigt gefunden, dass der Mensch, so sehr er auch versuche, sich ins Private zurückzuziehen, in der sozialen Wirklichkeit verwurzelt bleibt und sich in ihr zu bewähren hat. Es ist die Problematik der viel berufenen Nische und die ewige Frage, wie zu leben sei, ja, wie anders zu leben sei.

Nach mehr als 20 Jahren und in einer anderen Gesellschaftsordnung lesen wir den Text mit anderen Augen, mit anderen Erfahrungen, und es zeigt sich: Die Dialektik von Enge und Weite bleibt bestehen und wird neu befragt, neu aufgebrochen. Nach neuen Antworten wird gesucht, die gleichwohl auf den uns überkommenen Lebensmustern beruhen.

Da ist eine Neuauflage der Erzählung - und das in einer besonderen Darbietung - hochwillkommen, Christa Wolf hat den Anfang der 80er-Jahre geschriebenen Text 1989 überarbeitet in den Druck gegeben; er erschien im Aufbau-Verlag im Osten und bei Luchterhand im Westen. Die zweite Aufbau-Auflage fiel schon in die Zeit nach dem Umbruch, und Suhrkamp, wohin Wolf wechselte, brachte mehrere Ausgaben heraus. Nun liegt "Sommerstück" als ein außergewöhnlich schönes Buch vor. Der Hallenser Projekte-Verlag gab die Radierungen des Schweriner Zeichners und Aquarellisten Hartwig Hamer dazu, von denen die Aufbau-Erstausgabe schon acht Reproduktionen enthalten hatte. Jetzt sind fünf weitere, erst in jüngster Zeit entstandene Radierungen hinzugekommen, allesamt nun in Originalgröße und in noch besserer Wiedergabe.

Sie illustrieren den Text nicht, sondern begleiten ihn durch eine imaginative norddeutsche, ja mecklenburgische Weiträumigkeit. Landschaft als Erlebnisbild.

Zudem orten Hamers Radierungen den Text topographisch. Indem sie den Raum des Geschehens aufschimmern lassen, wird bestätigt: Dies ist nicht kein Ort und nirgends, sondern das mecklenburgische Dorf, in welchem die Wolfs damals sommers lebten.

Die Autorin wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, alle Figuren seien ihre Erfindung. Das stimmt natürlich so absolut nicht, wie auch das Gegenstück, Sarah Kirschs Chronik "Allerlei-Rauh" von 1988 zeigt. Da ist schon etliches Autobiographische im Spiel.

Dies Persönliche betont auch Detlef Hamer, Rostocker Publizist und Bruder des Zeichners, in seinem Nachwort, in welchem wir vieles vom Entstehen der Radierungen erfahren und davon, wie Schriftstellerin und Zeichner aufeinander zugingen. Eine Sonderausgabe mit signierter Originalradierung fehlt nicht.

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erstellt am 15.Jun.2011 | 11:29 Uhr

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