Neuheiten in Blassgrün: Autohersteller sehen Umweltthemen entspannter

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12. März 2008, 08:37 Uhr

Genf - Die Autoindustrie findet zurück zur Tagesordnung. Nachdem im Herbst auf der IAA in Frankfurt/Main Umwelt- und Klimathemen alle anderen Nachrichten überlagerten, scheint sich ein halbes Jahr später ein Kompromiss zwischen Vernunft und Vergnügen einzustellen: Beim Genfer Autosalon spricht zwar auch fast jeder Hersteller über Spritverbrauch und CO2-Ausstoß und zeigt serienreife und -nahe Lösungen. Doch ist die Aufregung aus der Diskussion gewichen. Autos dürfen wieder Spaß machen und brauchen zwingend einen grünen Anstrich.

Ein Beispiel ist die Marke VW, die einerseits einen Golf mit Diesel-Hybridantrieb und andererseits ein Sportmodell wie den neuen Scirocco vorstellt. Weil das Auto mit sparsamen Direkteinspritzern ausgestattet wird, ist es auch kein Widerspruch, wenn VW-Konzernchef Prof. Martin Winterkorn effizienten und umweltfreundlichen Autos "höchste Priorität" einräumt. Das gilt sogar für die sportlichste Tochter Lamborghini, die ihren CO2-Ausstoß um bis zu 40 Prozent verringern will. Ein Anfang ist laut Markenvorstand Stephan Winkelmann bereits gemacht: "Obwohl der neue Gallardo 40 PS mehr hat, verbraucht er 18 Prozent weniger als sein Vorgänger."

Auch die VW-Töchter Audi und Skoda spurten und sparen: So bringt Audi mit dem TT 2.0 TDI erstmals einen Diesel in einem Sportwagen und lockt mit der Aussicht auf einen 368 kW/500 PS starken V12-Diesel im R8. Skoda wiederum zeigt von dem neuen Topmodell Superb gleich auch eine verbrauchsoptimierte "GreenLine"-Version.

Was bei Skoda Grün ist, leuchtet bei Mercedes Blau: "Noch im März bringen wir 20 BlueEfficiency-Fahrzeuge von der A- bis S-Klasse in den Handel", sagte Entwicklungsvorstand Thomas Weber und stellte für sie bis zu 12 Prozent weniger Verbrauch in Aussicht. Vorzeigemodell in dieser Reihe ist der C 200 CDI mit einem Verbrauch von 5,1 Litern.

Während deutsche Marken auf optimierte Motoren, Reifen mit reduziertem Rollwiderstand und aerodynamischen Feinschliff setzen, folgt General Motors (GM) einem anderen Weg: Die einzige kurzfristige Antwort auf die CO2-Fragen und die Abhängigkeit von Ölimporten seien Bio-Kraftstoffe wie Ethanol (E85), sagte GM-Manager Bob Lutz mit Blick auf die 25 Konzernmodelle mit E85-Freigabe.

Als alternative Kraftstoffe hoch im Kurs stehen auch Erd- oder Flüssiggas. Beispiele hierfür sind die CNG-Versionen von Caddy Maxi und Passat Variant bei VW, der für LPG vorbereitete HHR bei Chevrolet sowie der mit einem Erdgas-Turbo bestückte Retro-Roadster von PGO. Mittelfristig setzt die Industrie allerdings weiter auf den Hybridantrieb, der deshalb in Genf wieder viel Raum einnimmt.

Die Kombination aus "Stromer" und "Verbrenner" treibt neben der Golf-Studie auch den Saab 9-X an, die vom BMW X5 abgeleitete Studie "Vision Efficient Dynamics" sowie den Mercedes GLK an. Selbst bei exotischen Marken wie SsangYong oder auch BYD aus China stehen Hybrid-Konzepte. Bei der Speicherung des Stroms im Hybridauto zeichnet sich in Genf erstmals ein konkreter Fortschritt ab. Geredet hat die Autoindustrie zwar schon lange von Lithium-Ionen-Akkus. Aber jetzt sind sie angeblich greifbar.

So sei "Mercedes die erste Marke, die diese Technologie im Griff hat und sie in ein Serienauto bringt", sagte Forschungsvorstand Weber. "Nächstes Jahr kommt die innovative Batterie im S 400 BlueHybrid." Auch GM will den Durchbruch geschafft haben und kündigte in Genf Lithium-Ionen-Akkus an: "Wir planen, diese nächste Generation unserer Hybridtechnik ab 2010 weltweit bei unseren Marken einzuführen und rechnen mit einer Jahresproduktion von mehr als 100 000 Fahrzeugen", sagte GM-Chef Rick Wagoner.

Auch bei den Zulieferern gibt es derzeit offenbar kaum ein wichtigeres Thema. Ein Continental-Sprecher sagte in Genf, der Akku sei die Schlüsseltechnologie für den Bau von Hybridfahrzeugen in Großserie. Das Unternehmen sei bereits in die Batterieproduktion eingestiegen und registriere eine steigende Nachfrage. Die ersten Batterien werde das Unternehmen Ende des Jahres an Mercedes liefern.

Die Rolle der Brennstoffzelle dagegen ist offenbar noch immer so vage, dass sie bei der Messe nur eine untergeordnete Rolle spielt. Einzig Honda hat mit dem FX Clarity ein in Kleinserie gebautes Fahrzeug ausgestellt. Dazu gibt es Studien von Morgan und Pininfarina. Dass Umwelttechnologien in Genf neben sportlichen Modellen stehen, zeugt nach Einschätzung von Marktbeobachtern von der "entspannten" Stimmung: "Es ist nicht so verdammt grün, dafür aber glaubwürdig", sagte Nick Margetts vom Marktforscher Jato Dynamics.

Die bei vielen Hersteller deutlich werdenden Ansätze hält er für "vernünftig": Die Technologien machten die Autos nicht hässlich und unfahrbar, sie seien sofort verfügbar und machten die Fahrzeuge 8 bis 15 Prozent sparsamer. "Es scheint, als hätte die Autoindustrie ihre Lektion aus Frankfurt gelernt."

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