Neue Kochbuch-Aktion „Mal was anderes“ zum Mitmachen - Heute: die Geschichte einer denkwürdigen Suppe

Die Originalversion der Tadschikischen Käsesuppe, auf Dungfeuer gekocht und nur nach langer Gewöhnung genießbar.
Die Originalversion der Tadschikischen Käsesuppe, auf Dungfeuer gekocht und nur nach langer Gewöhnung genießbar.

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29. August 2008, 07:31 Uhr

Wer auf Reisen isst, kann hinterher erzählen. Von italienischer Landküche, französischen Bistro-Spezialitäten, thailändischen Straßenleckereien, türkischer Sultansküche. Ich bin da, das gebe ich gerne zu, geradezu manisch. Wo ich im Urlaub auch hinkomme – die Landesküche muss es sein.

Die „Schnitzelstube“ in Playa del Ingles oder das „Irish Pub“ an der portugiesischen Algarve lasse ich gern links liegen. Im Istanbuler Gewürzbasar ließ ich mich bei Tee und Plauderei genüsslich von einem Händler über den Tisch ziehen, die dabei teuer bezahlten Pasten und Pülverchen würzen bis heute meine privaten Fleischsspieße; auf Kreta verbrachte ich einen halben Tag in einem Hinterhof-Geschäft für Olivenöle und hatte beim Heimflug arge Übergepäck-Probleme; im norditalienischen Alba bezahlte ich auf der Trüffelmesse schlankerhand 90 Deutschmark für ein daumenkuppengroßes Exemplar des Nobelpilzes, den ich bei der Abreise prompt in der Minibar meines Hotelzimmers vergaß, woran eindeutig der Weingut-Besuch am Vorabend schuld war. Nun ja, all das ist bis heute Stoff für Erzählungen und, vor allem, auch das eine oder andere Rezept.

Zum Beispiel diese Suppe. In einem kleinen Bergdorf im zentralasiatischen Tadschikistan. „Das ideale Essen, wenn man auf Reisen ist, leicht und nahrhaft“, erklärte mir die einheimische Dolmetscherin, als der graue Schlonz auf den Tisch kam. Die Schale roch verdächtig. Reis sei darin, dazu saure Milch und getrockneter Ziegenkäse, abgeschmeckt mit wilden Kräutern. Aha. Meine Reisegenossen widmeten sich auffällig unauffällig dem Fladenbrot und dem gleichzeitig aufgetragenen Hammelschmortopf. In ihren Augenwinkel-Blicken war zu lesen: Na, traut er sich?

Schließlich hatte ich schon die in groben Stücken gekochte Ziege nicht verschmäht, mutig dem mit geheimnisvollen Zutaten aufgerüsteten Wodka zugesprochen und den in einer geheimnisvoll rostigen Maschine abgefüllten „Kaimak“ gelöffelt, den einheimischen Rahm. Eingelegte Maulbeeren, holzharte getrocknete Aprikosen, riesenhafte Knoblauchzehen – immer her damit.

Aber diese Suppe Also, man müsse als Gast nicht alles essen, was auf den Tisch kommt, belehrte mich Dolmetscherin Lyudmila auf Englisch: „Einfach sagen: Meine Religion verbietet mir leider gerade diese Speise, das beleidigt niemanden. Aber probieren und dann ein Gesicht ziehen, also das, naja“

Very nice. Religös war ich noch nie, lügen tue ich auch ungern, und wann kommt man schon nochmal nach Tadschikistan? Ich griff mir den Blechlöffel, langte zu. Urgs! Da war der stallige Geschmack von Ziegenkäse, bitterwürzige Wildkräuter, säuerliche Milch, na gut. Vor allem aber, entschuldigen Sie, roch die Suppe nach, nun ja, Dung. Und sie schmeckte auch so, wie ich mir Dunggeschmack vorstelle.

Kein Gesicht ziehen, kein Gesicht ziehen! Ich will meine Gastgeber ja nicht beleidigen. Oder, noch schlimmer, vor meinen feixenden Mitreisenden versagen. „Ja, hier in den Dörfern kocht man noch auf offenen Feuerstellen, die mit getrocknetem Tiermist beheizt werden“, erklärte mir Lyudmila.

Daher also wehten Wind und Suppenaroma. Grillfleisch schmeckt ja auch auf diese unnachahmlich appetitliche Weise ein bisschen nach verbranntem Holz. Zum Glück war die Suppenschale relativ klein und schnell ausgelöffelt. Der Brechreiz verschwand nach dem vierten Löffel.

Übrigens: Wenn man das Suppenrezept etwas mitteleuropäisiert und vor allem auf das Dungfeuer verzichtet, schmeckt sie gar nicht schlecht.
Sie haben auch ein etwas anderes, aber leckeres Rezept? Wir sind gespannt

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