Naturerlebnis mit Schuss

Dem Jagen haftet das Klischee der verstaubten Altherrenbetätigung an, bei der Waidmänner rücksichtslos in Wald und Flur auf alles schießen, was sich bewegt. Dass dieses Vorurteil längst überholt ist, beweist Doreen Kruse.

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08. Mai 2009, 04:27 Uhr

Botelstorf | Doreen Kruse beobachtet, lauscht den Geräuschen der Natur. Sie genießt die durch Eichen gebrochenen Sonnenstrahlen, die wie kleine Lichtblitze über ihr Gesicht zucken. In ihrem Revier kann die 30-Jährige entspannen. Doreen Kruse ist Jägerin, doch ihre Flinte hat die 30-jährige heute im Auto gelassen, dass sie am Feldrand geparkt hat. Heute braucht sie sie nicht. Die junge Frau wandert über eine Wiese an einem Waldstück bei Botelstorf. Wie glitzernde Kristallkugeln sitzen hier tausende Tautropfen auf den Spitzen der Gräser. Sie verwandeln das Sonnenlicht in kleine Regenbogen. Der Geruch von feuchtem Moos steigt aus dem Gras. Das wurde erst kürzlich mit einer Egge abgezogen und liegt nun wie gekämmt über dem Boden. Von einem Feld hinter einer Hecke dringen heisere Schreie herüber. Kraniche singen ihr Frühlingslied. Das ist es, was Doreen Kruse am Jagen fasziniert: das Erlebnis Natur.

"Mich hat das Jagdfieber gepackt."Seit Kindertagen kennt sie dieses Gebiet. Ihr Vater, selbst Jäger, ist Pächter des angrenzenden Reviers. Doreen hat ihn schon als kleines Mädchen bei der Jagd begleitet. Hier hat ihr Vater ihr die Tier- und Pflanzenwelt erklärt, seine Tochter mit auf den Hochsitz genommen. "Ich musste die ganze Zeit still sein. Als Kind konnte ich das überhaupt nicht verstehen. Immer, wenn ich was gesehen habe, wollte ich das gleich erzählen. Da hab ich mir dann die Hand vor den Mund gehalten", erzählt Doreen Kruse und schmunzelt bei der Erinnerung daran. Zum Lachen war ihr aber nicht immer zumute, denn schließlich endeten die Exkursionen ins heimatliche Tierreich auch hin und wieder blutig. "Eben stand das Rehlein noch auf der Wiese und dann hab ich plötzlich Blut gesehen. Ich fand das sicher traurig, aber nicht so schlimm, dass ich gesagt hätte, ich will das nicht mehr. Es gehört einfach dazu", erläutert Doreen Kruse. Sie blieb bei ihrem Hobby, machte den Jagdschein und pachtete drei Jahre später das rund 143 Fußballfelder große Gebiet, in dem sie seither Ruhe und Entspannung findet. Mit dem eigenen Revier kam aber auch die Verantwortung. Konnte sich Doreen Kruse zuvor auf den Rat ihres Vaters verlassen, muss sie nun allein Entscheidungen über Leben und Tod treffen. So verlief auch die erste eigene Jagd anders als geplant. "Ich war aufgeregt, so sehr, dass ich nicht zum Schuss kam", erzählt die 30-Jährige, "Mich hat das Jagdfieber gepackt. Ich spürte eine innere Unruhe, die mich wirklich zittern ließ. In dem Moment, in dem ich mir sicher war, du kannst jetzt schießen, da gings auf einmal nicht mehr".

An einem Abend ist es dann soweit. Doreen Kruse sitzt allein auf ihrem Holzhochsitz und lässt den Blick über ihr Revier schweifen. Es raschelt im Gebüsch. Im Dämmerlicht nähert sich aus dem Waldstück ein Rehbock. Im Auge der Jägerin spiegelt sich nun nur noch das Abbild des grazilen Tieres. Sie legt zum Schuss an, den Finger am Auslöser wartet sie auf den richtigen Moment. Ihr Herz rast. Dann drückt sie ab. Der Bock fällt ins Gras, bleibt regungslos liegen. Die Schützin zögert. Ist das Wild auch wirklich tot? Sie klettert die wacklige Sprossenleiter ihres Hochsitzes hinunter. Sie bewegt sich langsam auf das Tier zu, kniet neben ihm im Gras. Dann ist sie sicher: Ihr Schuss war tödlich. Ihre Aufregung legt sich langsam. Der Freudensprung über den ersten geglückten Treffer bleibt aus. In bedächtiger Stille schneidet die junge Frau mit einem Messer den Rehbock auf und greift mit ihren zierlichen Händen in den warmen Tierkörper. Sie fühlt die Eingeweide, holt mit leichtem Unbehagen Blut und Innerein heraus. Bei einsetzender Dunkelheit vergräbt sie diese in der Erde. Den Rehleib zieht sie zu ihrem Auto, das sie am Rande ihres Reviers geparkt hat. Sie wuchtet den leblosen Körper in die Wildwanne und fährt mit ihm nach Hause. Hier hängt das Tier für einen Tag aus, bevor es die Jägerin fachmännisch in einzelne Stücke zerlegt.

Dass auf der Jagd geschossenes Wild auch auf ihrem Mittagstisch landet, ist für die junge Frau kein Problem. "Ich hab kein schlechtes Gewissen. Das kann ich gut ausschalten. Mir tut das Tier nicht leid, weil ich mich in dem Moment bewusst entscheide, es auszusortieren", sagt Doreen Kruse.

"Der Jäger ist immer nur der Böse mit dem Schießgewehr." Die Jägerin sieht sich als Ersatz für den natürlichen Feind der Wildtiere, der durch gezieltes Auslesen den Fortbestand sichert. "Jagd ist auch Tier- und Naturschutz. Ich versuche, es dem Wild so angenehm wie möglich zu machen. Bei Kritikern ist der Jäger immer nur der Böse mit dem Schießgewehr", beklagt die junge Frau. Zum Naturschutz gehöre eben auch, Jagd auf schwaches Wild zu machen. Doch das ist längst nicht alles. Sie und ihre Kollegen bauen Futterstellen, schaffen Schutzgebiete für die Tiere und legen Wildäcker an. Das würden Jagdgegner oft vergessen.

Kritik hat sie in ihrem Bekanntenkreis für ihr ungewöhnliches Hobby nicht erhalten. Im Gegenteil. Gerade männliche Kumpels äußern Bewunderung.

Und auch im Kreise ihrer männlichen Weidmanns-Kollegen ist sie akzeptiert. In ihrem Hegering ist sie unter 55 Mitgliedern eine von zwei Frauen. Vorbehalte ihr gegenüber seitens ihrer männlichen Kollegen hat sie aber nie gespürt. Für die junge Frau eine Frage der Einstellung. "Ich bin ganz entspannt und dementsprechend kommen die anderen mir auch entgegen".

Unterschiede zu ihren männlichen Kollegen gibt es aber schon. "Männer sind passionierter, gehen konsequenter und engagierter jagen. Für mich ist es das Naturerlebnis und nebenbei jage ich, für viele Männer ist das eher umgekehrt". Den Rufen der Kraniche lauschen, Rehe beobachten oder einfach nur durch ihr Revier wandern - in der Natur kann sich Doreen Kruse entspannen, den Kopf freikriegen vom Alltagsstress. Der Schuss aufs Wild ist Nebensache.

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