Nackte Tatsachen im Osten

Vom FKK-Flug bis zur Nackt-Lesung: Die Deutschen lassen die Hüllen fallen. Ein Pasewalker plant nun am 1. April die bundesweit erste textilfreie Buchvorstellung – und das ist kein Aprilscherz.

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26. März 2008, 10:05 Uhr

Noch vor dem ersten FKK-Flug im Juli will Buchhändler Helmut Maaß aus Pasewalk die erste Nackt-Lesung anbieten. Dabei wird das gerade erschienene Buch „Sommer, Sonne, Nackedeis – FKK in der DDR“ vorgestellt, sagte Maaß. Obwohl die Lesung am Vormittag des 1. April stattfindet, handele es sich nicht um einen Aprilscherz, versicherten Maaß und der Berliner Eulenspiegel-Verlag, der das 160 Seiten starke Buch auf den Markt bringt. Es entstand auch mit Hilfe des Darß-Museums Prerow und zeigt die Freikörperkultur im Osten Deutschlands, wo zehn Prozent der Ostseestrände FKK waren.

„Wir werden die Schaufenster verhüllen“, erläuterte Maaß. Die Gäste sollten wegen der niedrigen Temperaturen nicht schon „textilfrei“ anreisen, sondern könnten sich in dem Geschäft FKK-mäßig entkleiden. „Unsere Heizung ist völlig ausreichend dimensioniert“, erklärte der Buchhändler. Wegen der knappen Platzkapazität müssten sich Interessenten anmelden.

Beim Eulenspiegel-Verlag findet man die Idee von Maaß toll. „Der Verkauf des Buches ist außerordentlich gut angelaufen, viele finden sich und ihre unbeschwerte Urlaubszeit in dem Buch wieder“, freut sich Verlagssprecher Jürgen Wohltmann. Für das Buch von Autor Thomas Kupfermann hätten viele Hobbyfotografen ihre Archive geöffnet. Demnach wurde die erste FKK-Vereinigung 1906 in Berlin gegründet. Die neue Mode breitete sich langsam aus. Ihre größte Verbreitung fand die „Nacktkultur“ dann in der DDR. Nach einem anfänglichen Nacktbadeverbot 1954 setzte eine aufgeregte Debatte ein, bis im Mai 1956 eine „Anordnung zur Regelung des Freibadewesens“ erlassen wurde. Im Jahr 1982 gab es dann 40 ausgewiesene Nacktstrände zwischen Kap Arkona und Fichtelberg, auch an Talsperren.
Die größten Strände hatten die Frauen und Männer im Adams- und Evakostüm in Prerow auf dem Darß, in Dranske auf Rügen und in Ückeritz auf Usedom erobert. Statistiken zufolge kamen die meisten Freunde dieser Kultur – die als „realsozialistische Errungenschaft“, die der Prüderie abschwor, galt – aus Dresden, Chemnitz, Leipzig, Halle und Berlin. Inzwischen sind die Nacktbadestrände kleiner geworden, aber es gibt sie nach Angaben der Touristikverbände noch überall an der Ostsee, wie in Koserow auf Usedom und an der Müritz.

Der erste FKK-Flug ist für den 5. Juli geplant. „Minütlich rufen Kunden an, die Tickets für unseren ersten FKK-Flieger auf die Insel Usedom kaufen wollen“, berichtet Initiator Enrico Heß vom Erfurter Reisebüro „OssiUrlaub.de“. Der gewiefte Reisekaufmann, der die Branche schon mit anderen Ideen wie „billigfliegen.de“ durcheinanderwirbelte, gibt sich im Gespräch unschuldig. „FKK-Flüge sind kein Schwerpunkt unseres Reiseprogrammes.“ Vielmehr würden Ostdeutschen online beliebte Ferienziele wie Bulgarien, Ungarn, Türkei oder Kuba angeboten und das ausschließlich von ostdeutschen Flughäfen aus. „Ein Reiseportal von Ossis für Ossis“, erklärt Heß seine Idee.

Er selbst ist kein FKK-Anhänger, doch er will die Marktlücke über den Wolken nutzen. Die Rahmenbedingungen: Das Flugpersonal bleibt aus Sicherheitsgründen bekleidet und wegen der Hygiene werden die Sitzplätze mit Wechselauflagen ausgestattet. Außerdem dürfen die Fluggäste erst im Flieger die Hüllen fallen lassen und müssen sich kurz vor der Landung wieder anziehen.

Heß ist hundertprozentig von seinem Konzept überzeugt: „Natürlich gab es auch viele Anrufer, die glauben, das Ganze sei ein Gag. Aber nein, wir wollen nichts Anrüchiges machen, aber wir meinen es ernst.“

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