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18. Dezember 2017 | 21:39 Uhr

Nachdenken statt Gedenken

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erstellt am 07.Mai.2010 | 07:05 Uhr

Schwerin | "Die Geschichte der deutschen Einheit hat mit einer Lüge begonnen", schreibt und sagt Jana Hensel. Sie meint - Willy Brandt und sein berühmtes "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört", gesprochen am Abend des 10. November 1989 auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses. Hensel: "Das hat er aber in Wahrheit nie gesagt."

Jana Hensel, 1976 in Borna bei Leipzig geboren, ist seit ihrem Bestseller "Zonenkinder" (2002) eine ganz eigene Stimme in der Diskussion um das Sein und Werden der deutschen Einheit. Ihr aktuelles, im vergangenen Herbst erschienenes drittes Buch heißt "Achtung Zone - Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten". Zone? "Ich nehme die Beschimpfung gern vorweg", sagte Hensel am Donnerstagabend in Schwerin, als sie innerhalb der "Werkstatt der Künste" des Filmkunstfestes Schwerin aus ihrem neuen Werk las. Viel Publikum hatte sich im Schleswig-Holstein-Haus leider nicht eingefunden.

Die Abwesenden verpassten viel. Denn trotz ihres provokativen Satzes "Die Geschichte der deutschen Einheit hat mit einer Lüge begonnen" ergeht sich Jana Hensel nicht in billiger Ostalgie. Sie sagt nicht: Es war nicht alles schlecht. Sondern: Es ist vieles anders. Immer noch.

Ja, ihr neues Buch, das eigentlich eine Essay-Sammlung ist, handele wieder von den "prägenden Erfahrungen nach 1989 im Osten". Denn im Jahr 20 der Einheit legt Jana Hensel ihren Akzent eben nicht auf die wohlfeile Feier des Mauerfalls. Das ist ihr zu billig. "Seit 20 Jahren erinnert sich der Osten immer gleich", sagt sie. 1989 sei in der Tat ein wahrer Epochenbruch gewesen. Aber vom historischen Datum ist eben keine neue große Erzählung ausgegangen. "Ich dachte, wir würden das 20-Jahre-Datum nutzen für eine Auseinandersetzung mit dem Jetzt."

Die Auseinandersetzung ist ausgeblieben, "der Transformationsprozess ist aus dem Fokus geraten", kritisiert Jana Hensel. Diesem Prozess, den Spuren, Verwerfungen und Wunden, die er in den Biografien der Ostdeutschen hinterlassen hat und immer noch hinterlässt, spürt die Autorin nach: "Mir geht es darum, das Ostdeutsche selbstbewusst zu erzählen." Bisher gehe es immer um Täter, um Opfer, um das Gestern - und eben nicht, wie das Gestern im Heute wirkt.

Im Jahr 20 nach dem Beitritt der DDR zur BRD bürstet Hensel die Einheits-Gedenkkultur, wie sie im angeblichen Willy-Brandt-Satz geronnen ist, gegen den Strich. Klischees und Anekdotenhaftes bestimmten mittlerweile das Bild von der DDR und der Einheit, kritisiert sie: "Man erinnert sich nur an die Erinnerung der anderen." Eine so westlich geprägte Einheits-Perspektive, die "kanonisierte Erinnerung", habe verhängnisvolle Folgen: "Der Osten erscheint defizitär, weil er mit fremden Maßstäben gemessen wird." Denn: "Der Osten war anders als der Westen und er ist es immer noch."

Diese zur Melancholie tendierende Andersartigkeit begründet Jana Hensel aber nicht nur mit den Erfahrungen in der DDR. Sondern vor allem mit den ganz anders erlebten ersten beiden Jahrzehnten der Einheit. "Man war immer der andere", sagt sie. Diesen Blick aus der eigenen Mitte pflegt und analysiert sie. Und auch wer Jana Hensel nicht in allem folgen will, muss sagen: Zum Glück tut sie das.

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