Nach einer Belegschaftsversammlung in Wismar gibt es wieder etwas Zuversicht

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05. Juni 2009, 10:10 Uhr

Die Wut und der Ärger ist den Wismaraner Werftarbeitern ins Gesicht geschrieben: Gegen 13 Uhr hat Betriebsratsvorsitzende Ines Scheel sie per Mail über den Insolvenzantrag der Wadan-Werften in Wismar und Rostock informiert. Reaktionen waren ihr da noch nicht bekannt, sagt sie, als sie ins Verwaltungsgebäude eilt. Um 14 Uhr zum Schichtwechsel verlässt so mancher Mitarbeiter wortlos und abwinkend den Haupteingang.

Schweißer Thomas Fehlhaber indes meint zuerst nur „Scheiße“. Von Anfang an – also seit dem Einstieg der russischen Investoren – habe er ein schlechtes Gefühl gehabt. Das zieht sich eigentlich durch alle Einschätzungen der Passanten und Mitarbeiter: Die Russen tragen ihrer Meinung nach die Hauptschuld am Desaster. „Es liegt an der Unfähigkeit der Geschäftsführung, aber nicht der hiesigen. Das sind keine Leute vom Fach“, sagt der Versicherungsangestellte Olaf Kruß, der nur fünf Minuten von der Schiffbauhalle entfernt wohnt und gerade mit seinem Schäferhund Gassi geht. Er hoffe, dass Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) hart bleibt und auch nach dem Insolvenzantrag keine Hilfen gewährt: „Damit es einen Wechsel gibt und neue Eigner einsteigen“.

Letzteres fordern Sellering und Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) denn auch, nachdem sie gegen 15 Uhr auf das Werftgelände zur Betriebsversammlung gerauscht kommen und mehrfach versichern, wie sehr ihnen das „industrielle Herz des Landes“ am Herzen liege. „Jetzt muss der Insolvenzverwalter versuchen, einen neuen Investor zu finden und ein Konzept zu entwickeln. Wenn das vorliegt, sichere ich Ihnen die Unterstützung des Landes zu“, ruft er der Belegschaft zu. Mit dem gegenwärtigen Eigentümer aus Russland jedenfalls sei das Rettungskonzept Schwerins für die beiden Standorte nicht mehr tragfähig – die Eigner hätten Belegschaft und Landesregierung im Stich gelassen.

„Interesse maßgeblicher Finanziers“

Sellering und Seidel verbreiten ebenso Zuversicht – und ernten Beifall – wie auch Insolvenzverwalter Marc Odebrecht. Ein Insolvenzantrag bedeute nicht automatisch das Ende, sondern auch eine Chance, betont der Rechtsanwalt. Er wisse von „maßgeblichen Finanziers, dass Interesse besteht, die Standorte zu halten“. Odebrecht sichert zu, dass Anfang kommender Woche Löhne und Gehälter gezahlt werden – voraussichtlich als Insolvenzausfallgeld.

Das wird vielleicht auch Ilona Bosch etwas beruhigen, die vor dem Werfttor auf ihren Partner wartet, der seit 37 Jahren in den Hallen Lohn und Brot hat. Jetzt sei er in Altersteilzeit, aber noch in der aktiven Phase. Das Haus müsse abbezahlt werden, bangt die Hansestädterin. Der 49-jährige Schweißer Michael Kauf findet aber, dass eine Insolvenz vielleicht noch helfen könne – andernorts habe es das ja auch schon gegeben, macht er sich Mut.

Nach der Versammlung schauen doch die meisten wieder etwas weniger grimmig unter ihren Schutzhelmen hervor. „Der Einsatz der Landesregierung war zu bemerken. Wenn sie nicht gekommen wären, sähe die Sache anders aus“, schätzt Planungsingenieur Olaf Kunau ein. Er könne sich schon vorstellen, dass sich ein neuer Investor findet – bei all der Technik, die in der Werft steckt. Und auch Betriebsratsvorsitzende Scheel verbreitet nach einer Schimpfkanonade über die Eigner wieder Optimismus: „Ich bin froh, dass diese Ära hoffentlich vorbei ist.“

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