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In MV gilt ab Sonntag die neue Bäderregelung : Nach der Predigt zur Shoppingtour

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Einkaufsspaß nach dem Kirchgang: Erstmals in diesem Jahr dürfen Geschäfte an diesem Wochenende wieder sonntags öffnen. In 96 Orten greift die neue Bäderregelung.

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erstellt am 25.Mär.2011 | 08:20 Uhr

Schwerin/Neubrandenburg | Einkaufsspaß nach dem Kirchgang: Erstmals in diesem Jahr dürfen Geschäfte an diesem Wochenende wieder sonntags öffnen. In 96 Orten greift die nach Klagen der Kirchen 2010 stark eingedampfte neue Bäderregelung. Zwischen dem letzten Sonntag im März und Ende Oktober mit Ausnahme der Feiertage können dort die Kaufleute die Ladentüren öffnen.

Fast vier Monate ohne Sonntagseinkauf: Die Händler "hungern nach Umsatz", meint Heinz Kopp, Chef des Einzelhandelsverbandes MV. Viele Kaufleute hätten "sich über die Zeit gehangelt". Ab Sonntag geht es los: "Alle, die dürfen, werden auch ihre Geschäfte öffnen", erwartet Kopp. Auch das Schlosspark-Center in Schwerin - in allen kreisfreien Städten dürfen die Geschäfte in den Zentren an bis zu 10 Sonntagen öffnen. Center-Manager Klaus Banner: "Das ist ein Muss." Neben den Kunden aus der Region hofft er auch auf Käufer aus den angrenzenden Bundesländern. Immerhin kämen acht Prozent der Besucher des Schlossparks am Sonntag aus Hamburg. Das Wochenendgeschäft mache ein Drittel des Wochenumsatzes aus, rechnet Heike Poggendorff, Geschäftsführerin De Seekist in Zinnowitz vor: "Wir können froh sein, dass es wieder losgeht." Aber: Fünf Stunden Ladenöffnung am Sonntag - "das reicht vorne und hinten nicht", sagt die 44-Jährige.

Die Kaufleute fürchten um ihr Geschäft. Der Umsatz fehle, meint Einzelhändlerin Poggendorff aus Zinnowitz. Geschlossene Läden am Sonntag im November und Dezember - das könne man noch verkraften, Einschränkungen ab Januar aber nicht mehr. Von den 7,5 Milliarden Euro Jahresumsatz pro Jahr stammten 20 Prozent von Urlaubern, rechnete der Einzelhandelsverband vor. Doch die seien in den letzten Wochen "am Sonntag mit geschlossenen Portmonees wieder nach Hause gefahren", beklagt Kopp. Die eingeschränkte Sonntagsöffnung habe dem Handel in MV einen Verlust von 200 Millionen Euro beschert, rechnet er vor und beruft sich dabei auf Umsatzerhebungen bei Händlern. Zweifel daran bleiben nicht nur beim Gewerkschaftsverband (DGB): "Die Mondzahl ist stark erklärungsbedürftig", stellt DGB-Nord-Vize Ingo Schlüter die Berechnung infrage.

Von wegen: "Uns fehlen die Sonntage nach Weihnachten", wettert Sybille Berg (64), Inhaberin Dekoratives & Wohnen in Waren: Gerade am Wochenende im Winter kämen viele Touristen aus Berlin oder Schleswig-Holstein, um sich die Müritzregion anzusehen. Berg zieht jetzt Konsequenzen: "Stinksauer sind wir. Ich will jetzt auch aus der Kirche austreten." Ihren Angaben zufolge haben diesen Schritt viele Geschäftsleute längst getan.

Noch hat der diesjährige Sonntagseinkauf nicht begonnen, da flammt der Streit um die Ladenöffnung nach dem Kirchgang wieder auf. So bleibt selbst in Händlerkreisen die Shoppingfreiheit umstritten, ergab eine Umfrage. Nein, von "der Sonntagsöffnung profitiere ich überhaupt nicht", meint Dagmar Glaue, Inhaberin Glaue Dagmar Mode auf der Insel Poel. Nur: "Generell müsste jeder selber entscheiden können, ob er öffnen will oder nicht", wirbt die 55-Jährige für eine Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes. Skepsis auch bei Sigrid Hackbarth, Inhaberin Trend Mode in Mirow/Röbel: "Vom Umsatz her rentiert es sich nicht." Außerhalb der Tourismushochburgen wie in Warnemünde bräuchten die Geschäfte am Sonntag nicht geöffnet haben, meint auch Heidemarie Schult (60), Inhaberin der Bücherstube in Plau am See: "Wir haben alle so kleine Läden, meist bloß mit einer oder zwei Personen. Ein freier Sonntag ist da auch nicht verkehrt."

Händler in den Tourismushochburgen sehen das ganz anders: Erst im November letzten Jahres hatten sich einige über das Sonntagsverkaufsverbot hinweggesetzt. Dabei beriefen sie sich auf das Ladenöffnungsgesetz MV, das eine Sonntagsöffnung im Abstand von 15 Kilometern zu Grenzübergangsstellen nach Polen erlaubt. Der Hafen in Rostock sei eine solche Grenzübergangsstelle, befanden sie und schlossen ihre Geschäfte auf - nach Verwarnungen der Ordnungsämter allerdings nach kurzer Zeit wieder zu. Jetzt legen einige Kaufleute nach: So erwägen Händler aus dem Rostocker Raum gegen die eingeschränkte Bäderregelung zu klagen, heißt es. Schlechter Zeitpunkt: Mit der geltenden Verordnung sei ein "toller Kompromiss gefunden worden", warnt Bernd Fischer, Chef des Tourismusverbandes. Er glaubt, die Verordnung habe Bestand: Alle Orte mit Sonntagsöffnung zählten mehr Touristen als im Bundesschnitt - zum Teil deutlich mehr als der deutsche Durchschnitt von 4497 Übernachtungen je 1000 Einwohner. Wichtig sei, dass es im Urlaubsland MV weiter möglich ist, die Geschäfte in den touristischen Regionen zwischen März und Oktober zu öffnen, meint Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU). Sich zu wehren sei gut, fügt Kopp hinzu. Nur: Mit jeder Klage dürfte eine neue Sonntagsregelung am Ende nicht besser werden, mahnt der Verbandschef. Das Land sei der falsche Adressant. Vielmehr müsse den Einzelhändlern wie Hoteliers und Gastronomen durch eine Ausnahmeregelung im Grundgesetz gewährt werden. Nur: Mehrheiten sind dafür nicht in Sicht.

Mecklenburg-Vorpommerns Einzelhandel läuft eher Gefahr, weitere Einschränkungen hinnehmen zu müssen. Während die Evangelische Landeskirche die neue Bäderregelung "zur Kenntnis genommen" habe, so Kirchensprecher Christian Meyer, stehe die rechtliche Prüfung bei der Katholischen Kirche auch nach Monaten noch aus. Es gebe noch keine Entscheidung, meinte Beate Bäumer, kommissarische Leiterin des Katholischen Büros in Schwerin. Die Klagefrist laufe noch. Die Katholische Kirche behalte sich eine rechtliche Prüfung noch vor.

Bei den Gewerkschaften ist selbst die eingeschränkte Bäderregelung längst durchgefallen. Auch die neue Verordnung sei "nicht verfassungskonform", erklärte DGB-Nord-Vize Ingo Schlüter. Das notwendige Ausnahme-Regel-Verhältnis werde nicht eingehalten. Es sei zudem bedenklich, dass der "Bruch bestehender Regelungen politisch toleriert" werde, sagte Schlüter mit Blick auf den Widerstand der Kaufleute in Warnemünde. Es werde Aufgabe der nächsten Landesregierung sein, endlich eine verfassungskonforme Regelung zu treffen, nachdem die bisherige "nicht den Schneid gehabt hat", eine entsprechende Verordnung durchzusetzen.


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