MV drängt auf europaweit Eindämmung der Kormoran-Population

Sie greifen zu Zehntausenden an, tauchen ihrer Beute metertief hinterher und fressen nahezu jeden Fisch, der ihnen vor den Schnabel kommt: Kormorane bringen Mecklenburg-Vorpommerns Fischer um einen Großteil ihres Fangs. MV drängt jetzt darauf, die Population europaweit einzudämmen.

svz.de von
04. November 2008, 05:15 Uhr

Schwerin - Karpfen, Barsche, Maränen, Zander, Forellen, Hechte, Aale: Vor den gefräßigen Vögeln ist in den Binnen- und Küstengewässern in MV kaum ein Fisch sicher. „Die fischen die Gewässer systematisch ab“, erklärte Axel Pipping, Chef des Landesfischereiverbandes MV. Besonders betroffen seien Teichanlagen und Aufzuchtgewässer.

„Wenn man nichts unternimmt, machen die Kormorane alles kurz und klein“, klagte der Chef der Lewitzfischer in Neuhof bei Neustadt-Glewe, Hermann Stahl. Opfer seien vor allem Fische mit einem Gewicht bis zu 600, 700 Gramm. Beim Ablassen der Teiche nimmt die Invasion der Vögel geradezu Horrorzüge an.

400, 500 Kormorane auf einer Fläche von 30 mal 50 Metern: „Da ist alles schwarz“, meinte Stahl. Ohne Gegenwehr fressen die alles auf. Das kommt den Lewitzfischern teuer zu stehen. Der Schaden: 200 000 Euro jährlich, rechnete Stahl vor.

In den 70er-Jahren seien Komorane noch eine Attraktion gewesen, erinnert sich Pipping. Durch den übermäßigen Schutz hätten sich die Vögel aber seit den 80er-Jahren explosionsartig vermehrt – vor allem in Mecklenburg-Vorpommern.

12 400 Brutpaare wurden 2007 gezählt, teilte das Agrarministerium mit. Dazu kommen noch mindestens 6500 Vögel, die durchziehen, überwintern oder nachwachsen. Inzwischen hat sich jeder zweite der knapp 47 000 Brutvögel Deutschlands in MV niedergelassen.

500 Gramm Fisch verschlinge ein Kormoran täglich, so Stahl – rein rechnerisch macht das 12,4 Tonnen Fisch am Tag, 4500 Tonnen im Jahr allein für die Brutvögel. Die Fischer an der Küste, an den Teichen, am Schweriner, Plauer oder Tollense-See werden den gefiederten Jägern nicht mehr Herr.

Abspannnetze über Teichen, akustische Abschreckanlagen, Geräusche der natürlichen Feinde wie Orkas – „das bringt alles nichts und ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, meint Pipping. Die Kormorane seien für Betriebe inzwischen existenzbedrohend.

Die in MV geltende Kormoranverordnung, die u. a. Vergrämungsmaßnahmen zulässt, reiche nicht mehr aus. Die Fischer sehen nur eine Chance: Um die Schäden zu verringern müsse in die Brutkolonien eingegriffen und die Kormorane gejagt werden, forderte Pipping.

Die EU brauche ein „europaweit einheitliches und wissenschaftlich begleitetes Kormoranmanagement“, forderte Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) auf einer von ihm und dem Ausschuss der Regionen in Brüssel organisierten Fachkonferenz vor EU-Parlamentariern und Kommissionsmitgliedern. Dazu müssen eine Mindestanzahl von Brutpaaren zum Erhalt der Art festgelegt, schlagen Experten vor.

Brüssel müsse zum Beispiel erkennen, dass das von der EU aufgelegte Aalschutzprogramm wenig Sinn mache, wenn „die Kormorane weiter ihr Unwesen treiben“, erklärte Verbandschef Pipping. Backhaus zufolge muss der Kormoran zudem ins Jagdrecht aufgenommen werden.

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