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20. September 2017 | 16:33 Uhr

Leezen : Musikschüler ohne Probenraum

vom

Nun ist es amtlich: Musikpädagoge Künzel darf mit seinen Schülern nicht mehr in den Räumen der Ori-Grundschule Leezen proben. Schulleiterin Goy hatte ihm die Nachricht übermitteln müssen.

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erstellt am 01.Mär.2011 | 11:51 Uhr

Nun ist es amtlich: Musikpädagoge Ralph Künzel darf mit seinen Schülern nicht mehr in den Räumen der Ori-Grundschule Leezen proben. Schulleiterin Anne Goy hatte ihm die Nachricht übermitteln müssen. "Ich habe ein Schreiben vom Amt Ostufer Schweriner See bekommen. Darin wird mir mitgeteilt, dass die Räumlichkeiten in der Schule durch Dritte nicht mehr genutzt werden können. Das Amt, mit dem ich bislang immer sehr gut zusammengearbeitet habe, untersagt das", erklärt die Schulleiterin.

Als Gründe werden Betriebskosten und Sicherheitsrisiko angegeben. Dazu Frank Bierbrauer-Murken vom Amt Ostufer: Ein Sicherheitsrisiko würde bestehen, weil Räume außerhalb der Schulzeit genutzt werden und es keine Übersicht gebe. Einmal soll noch bis spät abends Licht gebrannt haben, führt Bierbrauer-Murken an. Ja, bestätigt die Schulleiterin. Das sei tatsächlich einmal vorgekommen, weil sich die Musikschüler auf ein Konzert vorbereitet hatten und die Proben daher länger dauerten.

Bierbrauer-Murken weiter: Es gibt keinerlei vertraglichen Regelungen. Die Räume in der Ori-Grundschule werden unentgeltlich genutzt. Es fallen Stromkosten an, es wird Wasser verbraucht. Für diese Kosten müsse der Träger der Grundschule aufkommen. Das sind die Gemeinden aus dem Amt, deren Schüler hier unterrichtet werden. Diese Betriebskosten wollen die Kommunen nun aber nicht mehr übernehmen. Sie haben in den zurückliegenden Jahren für viel Geld Gemeinde- oder Feuerwehrhäuser bzw. in Leezen eine Turnhalle mit Mehrzweckraum errichten lassen, die für derlei Zwecke genutzt werden können - entsprechend den Gebührensatzungen.


Instrumental-Unterricht erhöht Attraktivität der Schule

Die Schulleiterin bedauert es sehr, dass die Musikschüler künftig nicht mehr in der Grundschule proben dürfen. Das Schulgesetz empfehle ausdrücklich, dass die Schulen ihre Türen gegenüber dem gesellschaftlichen Umfeld öffnen und - wie in diesem Fall - mit Musikschulen zusammenarbeiten. "Das heißt doch, dass eine solche Zusammenarbeit sogar gewünscht wird", unterstreicht Anne Goy. Und sie fährt fort: "Unsere Schule wirbt damit, dass Kinder nach Schulschluss hier Musikunterricht erhalten können. Das trägt zur Attraktivität unserer Ori-Grundschule bei. Nicht zuletzt deshalb entscheiden sich Eltern für unsere Einrichtung." Bislang sei es sehr praktisch gewesen: Die Grundschüler konnten vom Hortgebäude zur Schule zu Fuß gehen, denn es sind nur wenige Meter.

Musiklehrer Ralph Künzel von der Kreismusikschule Nordwestmecklenburg ergänzt: "Wir proben ja nicht nur in der Schule, wir stellen uns der Öffentlichkeit hier auch vor. Beispielsweise beim Tag der offenen Tür." Für diese Auftritte werde auch kein Geld genommen.

Bislang haben jeden Freitag von 13.30 bis etwa 20 Uhr Kinder und Jugendliche im Musikraum proben dürfen. "Das hat 15 Jahre ohne Probleme geklappt", betont Musiklehrer Künzel, der derzeit etwa 15 Kinder und Jugendliche in Leezen betreut. Sie lernen Saxophon, Fagott, Blockflöte, Klavier oder Keyboard zu spielen. Mit Erfolg. Seine Musikschüler holten beim Regionalwettbewerb "Jugend musiziert" zwei Preise. Das Saxophon-Quintett qualifizierte sich dabei für den Landesausscheid. Schüler wie Lehrer sind darauf stolz. Und natürlich die Eltern der Musikschüler, die die Entscheidung des Amtes nicht nachvollziehen können. Harry Schönhoff aus Gneven, dessen Tochter Natalie Saxophonunterricht nimmt, meint: Man habe das Gefühl, dass die Musikschüler aus den Räumen der Grundschule gedrängt werden, um den Mehrzweckraum in der Turnhalle anzumieten. Er ärgere sich, dass die Wirtschaftlichkeit so in den Vordergrund gerückt werde. Dabei könne ihm im Amt keiner sagen, wie hoch die Kosten für die Nutzung der bisherigen Räume konkret sind. Für ihn stelle sich die Frage: Handelt es sich bei den Kosten um eine Größenordnung, über die es ernsthaft lohnt, zu diskutieren oder ist der Schaden möglicherweise größer, der damit einhergeht, wenn Kinder und Jugendliche nicht mehr proben können? Schließlich sei Musikunterricht eine sinnvolle Freizeitgestaltung, die der Gesellschaft doch sehr am Herzen liege.

Musiklehrer Künzel befürchtet, dass in Leezen künftig keine Grundschüler mehr ein Musikinstrument erlernen werden - weil es unter erschwerten Bedingungen nicht mehr zu bewerkstelligen sein werde. Einige seiner jugendlichen Musikschüler, sie alle waren in Leezen Grundschüler, spielen mittlerweile in drei Ensembles der Kreismusikschule Nordwestmecklenburg mit. Sie seien bei Konzerten unverzichtbar.

Völlig unklar, wo die nächste Probe stattfindet

Ob in dieser Woche am Freitag wie gewohnt geprobt werden kann, ist noch fraglich. Denn noch gibt es keine neuen Räumlichkeiten. Frank Bierbrauer-Murken vom Amt Ostufer verweist in diesem Zusammenhang zum Beispiel auf den Mehrzweckraum in der gemeindeeigenen Turnhalle Leezen, der angemietet werden könnte, bzw. auf die anderen Gemeindehäuser im Amtsbereich.

Heute möchten ein Leezener Gemeindevertreter, die Schulleiterin, der Musiklehrer und Eltern im Amt bei Bierbrauer-Murken wegen diese Problematik vorsprechen. Künzel: "Ich unterrichte in mehreren Schulen. Probleme dieser Art kenne ich dort nicht. Dort üben wir in den Musikräumen - und zwar kostenlos."

Betroffen von der Neuregelung ist auch die Musikschule Fröhlich. Sie darf hier ebenfalls nicht mehr unterrichten.

Gruppe von 20 Seniorinnen ebenfalls betroffen

Bislang traf sich in der Leezener Grundschule auch eine Seniorengruppe des Dorfes; seit zehn Jahren jeden Donnerstagnachmittag zum gemeinsamen Plausch und Kaffee. Den brachten sich die rund

20 Frauen in Thermoskannen mit, ebenso ihren Kuchen. "Wir haben wirklich nur den Raum genutzt, keine weiteren Umstände gemacht", sagt die 77-jährige Hannelore Harloff. Jetzt droht die Gruppe, zu der auch alleinstehende oder verwitwete Frauen gehören, auseinander zu brechen. Denn den Mehrzweckraum in der neuen Turnhalle anzumieten, das können sie nicht. "Wir sind kein Verein und bekommen von der Gemeinde keine Zuschüsse, müssten das Geld allein aufbringen", sagt Hildegard Alm (77). Aber das überfordere die Senioren finanziell. "Wir sind über diese Entscheidung sehr traurig", so Hannelore Harloff.

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