Museumsstücke überdauerten im Schutz einer Treppe

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28. Oktober 2008, 08:08 Uhr

Wismar - Als die „Alte Schule“ in Wismar kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Bombenhagel zu Schutt und Asche zerfiel, gingen mit dem als Museum genutzten prächtigen Backsteinbau auch ungezählte Kunstschätze unter. Doch nicht alle Schaustücke wurden in der Bombennacht im April 1945 zerstört, wie sich jetzt herausstellte.

Unter einer steinernen Kellertreppe verborgen, überstanden wertvolle historische Ausstellungsstücke das schwere Bombardement, dem fast das gesamte gotische Viertel mit den imposanten Backsteinkirchen St. Marien und St. Georgen zum Opfer fiel.

Archäologen förderten bei Grabungen am Fundament der „Alten Schule“ jetzt mittelalterliche Wandfriese und Skulpturen aus Klöstern und Bürgerhäusern der Stadt sowie eine umfangreiche Sammlung von rund 300 uralten Ofenkacheln ans Licht. Allesamt Schaustücke des früheren Museums, die nach Angaben von Grabungsleiter Holger Fries offenbar aus Furcht vor Luftangriffen im Keller des Gebäudes in Sicherheit gebracht worden waren.

„Ein großartiges Geschenk, das da jetzt aus dem Schutt herausgeholt worden ist“, sagte Professor Gottfried Kiesow am Dienstag in Wismar bei der Präsentation der Fundstücke, die in den Fundus des Stadthistorischen Museums „Schabbellhaus“ übergegangen sind und nun zunächst wissenschaftlich aufgearbeitet werden sollen.

Als Vorsitzender der Stiftung Deutsche Denkmalpflege engagiert sich Kiesow seit Jahren für Erhalt und Wiederaufbau zerstörter Backsteingebäude, die Wismar ihr unverwechselbares Gepräge gaben und geben. Auch die „Alte Schule“, so sinniert der Denkmalschützer laut, könnte wiederaufgebaut und dann als Museum für die Entwicklung der Backsteingotik im Ostseeraum genutzt werden. Denn, dass Wismar Zentrum der baltischen Backsteinkunst ist, steht für Kiesow außer Zweifel.

Wie Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken (SPD) sagte, konnte niemand damit rechnen, in den unmittelbar nach Kriegsende verfüllten und später mit einer Straßen überbauten Kellerräumen solche „Schätze“ zu finden. „Ursprünglich wollten wir nur an der Oberfläche kennzeichnen, wo die Alte Schule einmal gestanden hat, und nicht weiter graben.

Die Tatsachen haben uns eines Besseren belehrt“, erklärte die tatkräftige Kommunalpolitikerin, der es Wismar und Stralsund maßgeblich verdanken, dass beide Städte seit 2002 auf der Liste des UNESCO-Welterbes stehen. Inzwischen habe die Stadtvertretung beschlossen, dass die freigelegten Kellerräume gesichert und erst später über einen möglichen Wiederaufbau entschieden werden solle.

Doch schon jetzt profitiert Wismar von den archäologischen Arbeiten in der historischen Altstadt. So laufen die Grabungen in der wiederaufgebauten Georgenkirche weiter. Laut Fries wurden dabei bislang auch 250 historische Grabplatten gefunden, die später in einer Ausstellung gezeigt werden sollen. An der benachbarten Marienkirche, von der nur noch der Turm steht, wurde der Grundriss des Kirchenschiffes nachgestaltet. „Dass dieses Areal als Parkplatz genutzt wurde, war nicht zu akzeptieren“, sagte Wilcken.

Touristen würden die Bemühungen um die Wahrung des Erbes schätzen und nähmen auch Anteil an Wiederaufbau und archäologischen Ausgrabungen. Nicht immer mit historischer Detailkenntnis: „Neulich betrachteten zwei junge Leute die Ausgrabungen an der “Alten Schule„ und erklärten, gar nicht gewusst zu haben, dass die Römer so weit in den Norden vorgestoßen seien“, erzählte Wilcken belustigt. Die Grundmauern der Schule stammen aber aus dem 14./15. Jahrhundert.

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