Mord in Wismar

Sie schlugen und traten ihr Opfer, dann stach der Haupttäter mit einem Brotmesser auf den Wehrlosen ein. Das brutale Verbrechen geschah am Neujahrstag in Wismar. Gestern sprach der Richter die Urteile.

svz.de von
28. Mai 2008, 07:33 Uhr

Schwerin - Eine Hakenkreuzfahne an der Wand im Wohnzimmer. Auch ein Bild von Hitlerstellvertreter Rudolf Heß und andere Devotionalien der Neonazis. Alkohol. Und reichlich betrunkene Männer. Die meisten von ihnen hatten Silvester im Wismarer „Werwolfklub“ gefeiert und offenbar bis zum Neujahrstag durchgetrunken.

Das Opfer Andreas F. gehörte eigentlich nicht dazu. Als er an jenem 1. Januar 2007 gegen 14 Uhr die Wohnung in Wismar betrat, begleitete er nur den Getränkehändler, der wegen einer Bestellung gerufen worden war. Doch er kannte den Wohnungsmieter flüchtig von gemeinsamen Trinkgelagen – und blieb. Eine folgenschwere Entscheidung. Der 30-jährige Vater eines kleinen Sohnes sollte das Haus nicht mehr lebend verlassen. Die Ermittler fanden seine Leiche einen Tag später in eben jener Wohnung. Übel zugerichtet. Geschlagen, getreten, mit Schnitt- und Stichverletzungen an Körper und Kehle. Der heute 28 Jahre alte Wohnungsmieter hatte selbst mit seinem Anwalt die Polizei gerufen und zunächst einen „unbekannten“ Toten in seiner Wohnung gemeldet. Gut eine Woche später waren er und vier weitere Männer festgenommen worden.

Offenbar aus nichtigem Anlass war bei dem Trinkgelage ein Streit ausgebrochen. Zuerst zwischen Andreas F. und dem Jüngsten, damals 17-Jährigen. Bald schon wurden aus den verbalen Angriffen Handgreiflichkeiten, an denen sich laut Gericht im Laufe des Nachmittags alle beteiligten. Tritte, Fausthiebe und Schläge mit einem Blumenständer prasselten auf F. nieder. Dem Obduktionsbericht zufolge waren schon diese Attacken tödlich. Wohnungsmieter Henning W., bis dahin zurückhaltend, sei den Nachmittag über vor allem damit beschäftigt gewesen, seine Wohnung von F.`s Blutspuren zu säubern und umgestoßene Möbel wieder aufzustellen. Doch kaum fertig, ging es von vorn los. Henning W. sei immer wütender auf den Neuankömmling geworden. „Er entschloss sich, dem Problem ein Ende zu bereiten und F. zu töten“, sagte gestern der Vorsitzende Richter Horst Heydorn. W. habe sich ein Brotmesser geholt und „ohne zu zögern“ zugestochen. Vergeblich habe er dann versucht, F. die Kehle durchzuschneiden. Der hohe Blutverlust hat laut Gericht den Tod des Opfers beschleunigt.

Der Mann starb am frühen Neujahrsabend. Das ist Mord, sagten die Richter gestern. So hatte es auch die Staatsanwaltschaft gesehen. Die Verteidigung hatte auf Körperverletzung mit Todesfolge plädiert und bereits Revision angekündigt. Dass Henning W. nicht zu der bei Mord üblichen lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, hat er vor allem seiner Alkoholabhängigkeit zu verdanken, die ein Gutachter feststellte. W. soll seine Haftstrafe von acht Jahren und neun Monaten zunächst in einer Entzugsanstalt verbüßen.

Wegen des hohen Alkoholkonsums ging das Gericht auch bei den anderen Männern von verminderter Schuldfähigkeit aus. Sie wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Zwei Männer im Alter von 24 und 27 Jahren erhielten jeweils sechsjährige Freiheitsstrafen. Sie standen zur Tatzeit noch unter Bewährung. Ein 38-Jähriger – ebenfalls mehrfach vorbestraft - wurde zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Sein heute 18-jähriger Sohn erhielt eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten, inklusive einer achtmonatigen Strafe wegen einer anderen Körperverletzung. Er ist laut Gericht der Einzige der Verurteilten, der nicht der rechten Szene angehört. Das Gericht fand kein wirkliches Motiv für das blutige Geschehen. Da hätten sich eben „die Richtigen“ gefunden, zusammen getrunken und hemmungslos den attackiert, der nicht zur Gruppe gehörte. „Das“, so Richter Heydorn, „können wir nicht hinnehmen.“

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