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Verein zur Förderung des Klosters Dobbertin : Modern und doch nah am Original

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Drei Jahre haben die Recherchen gedauert, um das Programm des Festkonzerts zu rekonstruieren, das am 11. Oktober 1857 stattfand. Die Mühe hat sich gelohnt: Jetzt erscheint eine CD, die das damalige Fest nachvollzieht.

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erstellt am 27.Dez.2011 | 09:50 Uhr

Rund 30 Jahre hatten die Arbeiten beansprucht, die der Dobbertiner Klosterkirche unter anderem einen doppelhelmigen Turm bescherte. Drei Jahre haben die Recherchen gedauert, um das Programm des Festkonzerts zu rekonstruieren, das am 11. Oktober 1857 um 17 Uhr vor geladenen Gästen stattfand.

Die Mühe hat sich gelohnt: Jetzt legt der "Verein zur Förderung des Klosters Dobbertin" eine CD vor, die das damalige Festprogramm nachvollzieht. Die Idee dazu kam Dr. Claus Cartellieri (Dobbbertin) bei seinen Studien zur Geschichte des Klosters. "Das muss doch machbar sein, hatte ich mir gedacht." Er ist mit dem Förderverein in vielfacher Weise verbunden und war sogar eine Zeit lang dessen stellvertretender Vorsitzender. Ihm war die Ausgabe 241 der Zeitschrift "Norddeutscher Correspondent" vom 13. Oktober 1857 in die Hände gefallen, in der über das Festkonzert auf der Titelseite als triumphales Ereignis geschrieben worden war. Mehr als tausend Besucher zogen um 10 Uhr erst einmal feierlich über den Hof vor der Klosterkirche, bis ihnen der Staatstelegraphist Burmeister danach einen Eröffnungsgottesdienst bescherte, mit dem der Umbau dem Kloster wieder zur Verfügung gestellt wurde.

Wegen des großen Interesses der Öffentlichkeit wurden die 15 Stücke des Konzerts noch am Nachmittag des gleichen Tages um 17 Uhr vor geladenen Gästen wiederholt - eine günstige Gelegenheit, den Klang und die Spieleigenschaften der eigens gefertigten neuen Orgel zur Geltung zu bringen. "Ein gutes Beispiel für das damalige hohe Kulturniveau auf dem Lande."

Drei Jahre zuvor hatte der damals amtierende Klosterhauptmann gemeinsam mit Ortspastor und Landesarchivar entschieden, dass die von Schmidt 1747 errichtete Orgel sorgsam abzubauen und von Ernst Sauer (Friedland) durch einen Neubau zu ersetzen sei. Teile der Schmidt-Orgel wurden dann in Mestlin aufgebaut.

Sauer installierte seinen Neubau nicht an der Stirnseite des Kirchenschiffs, wo zuvor über Altar und Kanzel die Schmidt-Orgel gestanden hatte, sondern nutzte dafür ein eigens errichtetes Kreuzschiff auf der linken Seite der Kirche. Seine Orgel zählte 22 Register und hatte zwei Manuale. Sie bestand aus dem Hauptwerk, dem Oberwerk und einem Fernwerk. Das Fernwerk war nicht Bestandteil des Auftrags, sondern eine Zugabe Sauers. Zum Crescendo des Fernwerks führte ein Tritt, zwei weitere Tritte setzten das Forte jedes einzelnen Werkes in Gang. Dadurch war es möglich, blitzschnell zwischen geringer und großer Lautstärke zu wechseln, ohne die Register zu berühren. Über den Neubau entbrannte unter Sachverständigen ein jahrelanger Streit, mit dem sich sogar mehrere Landtagsgremien befassen mussten. Die Zahlung des von Sauer geforderten Honorars wurde letztlich auf vier Jahre verteilt, in denen er dazu verpflichtet war, die Haltbarkeit seines Instruments zu sichern und es im gangbaren Zustand zu erhalten. Dennoch war der Sauer-Orgel keine besonders lange Lebensdauer beschieden: 1893 wurde sie durch einen Neubau der Schweidnitzer Firma Schlag & Söhne ersetzt.

Als Dr. Cartellieri eine Wiederaufführung des Festkonzerts ins Gespräch brachte, war eine große Frage die Wahl eines geeigneten Instruments. Ein mit der Sauer-Orgel von 1857 annähernd vergleichbares Instrument existiert nicht mehr. Um dennoch das Festkonzert möglichst authentisch nachzuvollziehen, kam das Orgelmuseum in Malchow ins Spiel. Dort sind etliche Orgeln vorhanden, die nicht pneumatisch, sondern nach dem Prinzip der mechanischen Schleiflade funktionieren. Der Sauer-Orgel am nächsten kam die 1856 erbaute Lütkermüller-Orgel aus Gadow. Die romantischen Kompositionen des Festkonzerts wurden auf der Friese-Orgel der Klosterkirche eingepielt. Für Mozarts Andante aus dessen f-moll-Fantasie bot sich der füllig-weiche Klang der Grüneberg-Orgel aus Langenhanshagen an. Ein zeitlicher Bogen wurde letztendlich mit dem Einsatz einer Orgel geschlossen, die von der Frankfurter Sauer-Werkstatt 1957 als Jubiläumsorgel für die Diakonische Anstalt in Züssow gebaut worden war. Die Einspielung des Festkonzerts wurden vom Leiter des Orgelmuseums, Friedrich Drese, und dem Plauer Kantor Jörg Reddin bewerkstelligt und gilt als gelungene Synthese von Historie und Klangerlebnis. Da der Sommer den Museumsbesuchern gehört, konten die Aufnahmen erst im Oktober und dann bei Temperaturen um die zehn Grad gemacht werden. "Wir haben uns oft warme Hände gewünscht."

Notenliteratur zu den Klassikern des Festprogramms von Bach, Mendelssohn-Bartholdy, Schumann, Mozart und Händel war hinlänglich vorhanden. Auch das Allegro maestoso aus der d-moll-Sonate von Johann Gottlob Töpfer war noch aufzutreiben, bei einem Fachgeschäft am Bodensee. Die Komposition von Flodoard Geyer jedoch blieb verschollen - auch nach 120 Schreiben an Hochschulen, kirchenmusikalische Einrichtungen oder Staatsarchive. In der Bayerischen Staatsbibliothek fand sich dann immerhin eine Geyersche Sonate für Violine und Klavier, die von Drese und Reddin zu einem Werk für zwei Orgeln eingerichtet und aufgenommen wurde. "Dadurch wird ein guter Eindruck vom Werk eines vor 150 Jahren bekannten Komponisten und Musikwissenschaftlers vermittelt", freut sich Dr. Cartellieri über diese moderne Form der Annäherung an das musikalische Original. Der Erlös aus dem Verkauf der CD soll dazu beitragen, eines Tages - vielleicht 2020 zum 800jährigen Bestehen des Klosters - im noch vorhandenen Körper der Sauer-Orgel ein neues Instrument einzubauen.

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