Mitten ins Herz

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07. Juli 2010, 09:27 Uhr

Crivitz/Schwerin | Erst seit zwei Wochen sorgt eine neue Herzklappe dafür, dass das Blut wieder gleichmäßig und kräftig durch Herta Grulichs Adern pulst. Jetzt ist die 84-Jährige, wie sie schmunzelnd sagt, " in der Reha" - in ihrem Garten in Kladow, einem Ortsteil von Gädebehn im Landkreis Parchim.

"Die Gartenarbeit bringt mich am besten wieder auf Trab", meint die Seniorin, die so rüstig wirkt, dass man ihr den knapp vierwöchigen Krankenhausaufenthalt, den sie gerade hinter sich gebracht hat, gar nicht abnehmen mag. Noch weniger aber kann man sich vorstellen, dass die alte Dame noch vor kurzem mit dem Leben so gut wie abgeschlossen hatte. "Ich hab mich schon jahrelang gequält, konnte einfach nichts mehr, weil ich so schlecht Luft bekam. Vor allem beim Treppensteigen oder am Berg war das schlimm. Mir war oft schwindlig, manchmal bin ich auch hingefallen und kam dann einfach nicht mehr hoch."

Immer wieder lag sie hilflos am Boden

Seit Herta Grulichs Mann im August gestorben ist, lebt sie allein im Haus. Zwar kommt ihr Bruder täglich vorbei, hilft, wo er nur kann. Doch die Angst, seine Schwester wieder einmal hilflos auf dem Boden liegend vorzufinden, wurde immer größer. Auch Herta Grulichs Kinder, die in Berlin leben, waren in immer größerer Sorge. Die Schwiegertochter, selbst Ärztin, sprach schließlich ein Machtwort. "Die Tasche hatte ich ja für Notfälle sowieso schon gepackt", erinnert sich die Seniorin, "also hab ich gesagt: ,Gut, ich geh nach Crivitz in Krankenhaus und lass mich mal durchchecken."

Nach zwei Wochen kristallisierte sich dort heraus, was schließlich an den Helios Kliniken in der Landeshauptstadt bestätigt wurde: Schuld an Herta Grulichs Problemen ist das Herz, genauer: eine Verengung an der Aortenklappe, einer der vier Klappen im menschlichen Herzen. Statt normalerweise mehr als 2,5 Quadratzentimeter waren bei ihr gerade einmal 0,6 Quadratzentimeter durchlässig - kein Wunder, dass sich davor das Blut bis zurück in die Lunge staute.

"Noch vor wenigen Jahren hätte man solchen Patienten nicht mehr weiterhelfen können, denn sie brauchen eine neue Herzklappe. Eine Operation am offenen Herzen ist in so hohem Lebensalter meist zu gefährlich, da die Patienten häufig auch weitere komplizierende Nebenerkrankungen aufweisen, so dass das erhöhte OP-Risiko meist nicht eingegangen wird", erklärt Prof. Dr. Alexander Staudt, Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Angiologie an den Schweriner Helios Kliniken. Erst seit etwa vier Jahren, so der Experte, hätte man in spezialisierten Kliniken damit begonnen, Herzklappen mittels eines Katheters zu implantieren. Er selbst hat an der Greifswalder Universitätsklinik Erfahrungen mit diesem Verfahren gesammelt. Seit seinem Wechsel nach Schwerin vor einem guten Monat kommen sie nun auch dort Patienten zugute.

Von der OP weiß ich gar nichts mehr

Glück für Herta Grulich, die zu den Ersten gehörte, denen Prof. Staudt in Schwerin eine neue Herzklappe einsetzte. "Von der OP weiß ich eigentlich gar nichts mehr", erzählt sie. "Ich hab noch mitgekriegt, als in der Leiste der Katheter gelegt wurde, und dann war ich weg."

"Aber nur im Dämmerschlaf", betont der Kardiologe, "die Patienten sind bei Bewusstsein, eine Vollnarkose ist bei dem etwa einstündigen Eingriff nicht erforderlich." Auch beatmet werden muss nicht - damit verringert sich das Risiko für die betagten Patienten, bei denen diese Methode fast ausschließlich angewendet wird, weiter.

Überhaupt handele es sich um eine "sehr sichere Methode", betont Prof. Staudt. Und sollte es doch Komplikationen geben, steht immer ein Herzchirurg bereit. Weil Schwerin keine eigene Herzchirurgie hat, kommt er aus einer der benachbarten großen Kliniken. Doch noch war ein Eingreifen nicht nötig, denn das Verfahren ist nicht nur sehr sicher, sondern auch simpel: Über einen Schnitt an der Leiste wird ein etwa bleistiftdicker Schlauch in einer Schlagader bis zum Herzen geführt. Die neue Herzklappe wird dann - unter ständiger Kontrolle über einen Bildschirm - in einem Stent, einer dünnen maschendrahtartigen Hülse, eingeführt. "Ist die defekte Herzklappe erreicht, entfaltet sich der Stent und mit ihm die neue Herzklappe wie eine Feder. Die Klappe springt auf, legt sich an die Gefäßwände an und drängt dabei die alte Klappe an die Gefäßwand", beschriebt Prof. Staudt mit wenigen Worten, was für ihn höchste Präzisionsarbeit bedeutet. Nach Entfernen des Katheters wird die Punktionsstelle über ein spezielles System vernäht. Weil sich in den ersten zwei bis drei Tagen nach dem Eingriff herausstellen kann, dass der Patient künftig einen Herzschrittmacher braucht, ist anfangs noch eine intensivere Überwachung nötig. Doch die Beschwerden, mit denen die Patienten sich oft jahrelang quälten, sind sofort verschwunden.

Endlich wieder richtig Pläne schmieden

"Ich wollte am, liebsten gleich am Abend nach der OP wieder aufstehen, weil ich mich so gut fühlte", erinnert sich Herta Grulich. Und Hunger hätte sie gehabt… Nur "die vielen Schnüre", an die sie auf der Intensivstation angeschlossen war, hätten sie letztlich daran gehindert. Doch schon am nächsten Tag, als sie wieder auf die "normale" Station zurückverlegt wurde, gab es kein Halten mehr. Von da an war Herta Grulich Tag für Tag auf dem Flur unterwegs, um ihre neu gewonnene Leistungsfähigkeit zu testen.

Eine Woche nach dem Eingriff konnte sie nach Hause entlassen werden. Spezielle Reha-Maßnahmen wie bei "großen" Herzoperationen sind ebenso wenig erforderlich wie aufwendige Nachuntersuchungen. Lediglich ASS zur Blutverdünnung muss Herta Grulich ab jetzt lebenslang einnehmen. "Ich hatte keine Angst vor dem Eingriff - schlimmer konnte es ja nicht mehr werden" resümiert sie. "Aber jetzt bin ich erst richtig froh, dass ich ihn machen lassen habe, denn nun kann ich wieder richtig Pläne schmieden." Dass dazu gleich wieder eine Operation - diesmal am Auge - gehört, spricht Bände.

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