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Winterdienst in Rostock-Laage : Mit Zuckerbrühe sicher abheben

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Egal, wie viele Maschinen über die Landebahn rollen, der Aufwand ist gleich. Wenn es nach Jan Martin, Betriebsleiter am Flughafen Rostock-Laage, ginge, könnte ruhig mehr Luftverkehr herrschen.

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erstellt am 04.Jan.2011 | 11:03 Uhr

"Wenn wir mit mehreren Enteisungsgeräten parallel arbeiten würden, wäre das betriebswirtschaftlich gesehen rentabler."

Die Kosten für Anschaffung, Unterhalt und Prüfung für das einzige Enteisungsgerät am Flughafen seien enorm. Dabei ist es nur für durchschnittlich vier Monate im Jahr im Einsatz. Zum 31. Oktober ist der Flughafen auf den Winter eingestellt: die Mitarbeiter sind geschult, die Einsatzzeiten geregelt, die Geräte gewartet, geprüft und - falls nötig - repariert. "Bisher sind alle Flieger gestartet", sagt Martin nicht ohne Stolz. "Wir sind hier 24 Stunden abflugbereit." Allerdings hätte das Wetter bislang gut mitgespielt. "Trockene Kälte um minus zehn bis zwölf Grad gefällt uns ganz gut", sagt er. Ab minus 14 Grad arbeite das Salz nicht mehr so gut - je kälter, desto geringe Wirkung.

Während draußen bei Minus elf Grad die Schneeflocken vom Himmel tanzen, prüft der 37-Jährige im Büro die Glätte auf der Landebahn. Der Monitor vor ihm zeigt verschiedene Diagramme - Luft- und Bodentemperatur, Niederschlagsmenge, Gefrierpunkt, Wasserfilmhöhe, Niederschlagstyp und Landebahnzustand werden angezeigt. Martin zeigt aus dem Fenster: "Die Daten bekommen wir alle 30 Sekunden von zwei Messpunkten auf der Rollbahn." Er tippt auf den Monitor. "Ein integriertes Warnsystem signalisiert, wann die Mitarbeiter zum Enteisen ausrücken müssen. Das permanente Überwachungssystem ist nagelneu und hilft, kostenoptimiert und umweltfreundlich zu arbeiten. Immerhin koste ein Liter Enteisungsmittel 1,35 Euro - ein kostbares Gut. "Bei geringem Schneefall brauchen wir schon 2000 Liter Kaliumforminat, um einmal die Bahn zu sprühen", erzählt er. Die knapp 40 000 Euro für das High-Tech-System rechneten sich da schnell. Ein menschlicher Wetterbeobachter auf dem Tower rundet das Winter-Vorsorge-Paket ab.

Martin macht sich auf den Weg auf die verschneite Rollbahn. Er steuert die Halle an, in der die Winterdienst-Fahrzeuge untergebracht sind. Mit dem "kompakten Kehrblasgerät" wird der Schnee erst von der Rollbahn geschoben, dann gebürstet, letzte Reste werden weggeblasen. 300 000 Euro hat das orangefarbene Ungetüm gekostet. Martin klettert hinter das Lenkrad und pflügt, in eine wirbelnde Schneewolke gehüllt, die Rollbahn entlang.

Das ist Schritt eins - der mechanische Part der Enteisung. Die Rollbahn wird bestmöglich beräumt, auch wenn gerade kein Flugzeug startet oder landet. Schritt zwei - der chemische Part - kommt nur zum Einsatz, wenn die vorgeschriebene Griffigkeit nicht eingehalten werden kann. "Die Glätte wird über die Reibwerte gemessen", erklärt Martin. "Umso geringer der Wert, desto glatter die Rollbahn." Um das zu überprüfen, wird das Reibwertmessgerät, das so genannte Skiddometer, über die Landebahn gezogen. Martin wechselt das Fahrzeug. Mit dem Skiddometer im Schlepptau fährt er das Rollfeld ab. Im Wagen spuckt ein kleiner Kasten die gemessenen Werte aus, die auch an die Piloten weitergegeben werden. Die entscheiden dann, ob sie die Landung wagen oder nicht. Martin muss am Boden einen anderen Entschluss treffen: "Ich errechne den Durchschnitt und entscheide dann, ob das chemische Enteisungsmittel zum Einsatz kommt."

Der zeitliche Ablauf sei die große Herausforderung: "Je dichter wir vor dem Start fertig werden, desto besser." Nicht nur die Landebahn muss permanent kontrolliert werden, sondern auch die Tragflächen und Triebwerke der Flugzeuge. Auch hier sind zwei Schritte nötig. Mit einer Art Dampfstrahler wird ein Gemisch von Wasser und Enteisungsfluid aufgetragen. Bei 80 Grad Celsius eine "rein thermische Enteisung", wie Martin erklärt. Dann sei das Flugzeug für den Start vorbereitet - vorläufig. Doch um bei zweistelligen Minusgraden sicher zu stellen, dass die Maschine bis zum Abflug nicht wieder vereist, bekommt sie hundertprozentiges Enteisungsgel auf die Karosse. "Fünfzig Prozent sind umweltverträgliches Glykol", so Martin. "Eigentlich nix anderes als Zuckerbrühe."

Der Flughafen-Winterdienst sieht der kommenden Kälte entspannt entgegen. Knifflig werde es erst, wenn der gefürchtete Klareisregen einsetzt. Dann ist die Rollbahn innerhalb von zehn Minuten vereist, Landen und Starten unmöglich - wie einmal im vergangenen Jahr. Doch sonst könne nicht viel passieren, alles seien gut vorbereitet. "Wir haben ein Drittel mehr an Enteisungsmittel gelagert als im vergangenen Jahr", sagt der Betriebsleiter. Lieferengpässe hätten da keine Chance.

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