Mit sibirischer Gelassenheit: Rostocker Schüler lernen bei Strohhaus-Projekt zu improvisieren

Die persönlichen Sachen und 20 Kilogramm Werkzeug für jeden noch dazu: Zu tragen hatten die Gymnasiasten eine Menge. Der Blick aus dem Zug entschädigte. Foto: privat
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Die persönlichen Sachen und 20 Kilogramm Werkzeug für jeden noch dazu: Zu tragen hatten die Gymnasiasten eine Menge. Der Blick aus dem Zug entschädigte. Foto: privat

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27. August 2008, 07:32 Uhr

Rostock - Die Mission ist klar. Als Rostocker Gymnasiasten der Borwin- und Balticschule am 3. Juli in den Zug nach Sibirien steigen, steht in ihren Köpfen fest, was dort geschehen soll. Im kleinen Dorf Petropawlowka bei Nowosibirsk wollen sie gemeinsam mit sibirischen Jugendlichen ein Haus aus Strohballen bauen. Ein Jugendbegegnungszentrum soll entstehen und wegen großer Wohnraumnot gleichzeitig einheimischen Familien eine kostengünstige Baualternative gezeigt werden. Horst Laube vom Organisator-Verein „Grüner Grashalm“ nennt Erlebnispädagogik, was die Schüler in der Ferne erwartet. „Einfach leben“, so heißt das Projekt.

40 Kilogramm Marschgepäck
Dieses beginnt mit einer fünftägigen Zugfahrt. „Jeder Schüler hatte neben seinen eigenen 20 Kilogramm Gepäck nochmal so viel Masse an Werkzeug zu tragen“, sagt Karsten Krumbiegel, Lehrer an der Balticschule. Schrauben, Nägel, Scharniere, all das musste mitgeschleppt werden – verstaut in tragbaren, blauen Tonnen.

Trotzdem: Für Krumbiegel war der Schulstress trotz dieser Umstände schnell verflogen. Den Schülern, so sagt er, ging es ähnlich. Nach der Ankunft finden Patrick Engel und Christian Parey Worte für den ersten Eindruck: „Wolkenverhangene Berge, dicht besiedelte Wälder und einsame Sandstrände, die Landschaft in Sibirien ist total schön.“

Aber die Schüler sind da, um ein Haus zu bauen. Der dafür auserkorene Platz liegt dicht am Fluss Kasir. Zum Schutz vor Überschwemmungen soll das Haus zweieinhalb Meter über der Erde schweben. Deswegen heißt es für die sibirischen und deutschen Schüler zunächst: 30 Schächte ausheben und Beton als Fundament für die Holzpfeiler anmischen. Der Mischer ist da, aber wo der Kies? Im Fluss. Steine und Sand müssen „quasi per Hand“ auf Lkws verladen und zum Bauplatz gebracht werden.

Sonnenbrand auf der Baustelle
Das alles bei 35 Grad Hitze und manchmal unter Begleitung von Mücken, „die doppelt so groß sind, wie unsere“. Krumbiegel verrät: „An diese Bedingungen mussten sich unsere Schüler wirklich erst gewöhnen.“ Die sibirischen Kollegen hatten ihnen in punkto Improvisation und Umgang mit der Natur eindeutig etwas voraus. „Sie waren mit Mopeds und auf Pferden unterwegs – nichts mit Playstation.“ Das beeindruckte.

„Berührungsängste gab es nicht“, sagt Krumbiegel. Die Verständigung untereinander lief auf Englisch, Deutsch und auch ein bisschen Russisch. Falls nichts half, genügte auch die Körpersprache: „Jeder hat jedem geholfen und es wurde viel gelacht, das war unsere eigene Sprache, Jugendliche müssen sich nicht zwangsweise über Worte verstehen“, sagen Patrick Engel und Christian Partey.

In punkto Hausbau sind die Schüler in drei Wochen nicht über das Fundament hinaus gekommen. So schlimm war das eigentlich nicht, denn die nötigen Strohballen standen noch als Getreide auf dem Feld. „Da hat die Absprache mit dem Bauern nicht funktioniert“, sagt Krumbiegel. Er fände das eigentlich gar nicht dramatisch. Auch er habe sich die sibirische Gelassenheit ein wenig angenommen.

Das Projekt schreit nach Wiederholung

Auch die zweite Schülergruppe – sie kam gleich hinterher – wird das Haus nicht fertig bekommen, sagt Krumbiegel realistisch. So werden im nächsten Jahr hoffentlich erneut Schüler in den Zug nach Sibirien steigen. Wer einmal dort war, muss immer wieder zurückkehren, so hatte es sinngemäß der sibirische Autor Jewgeni Jewtuschenko gesagt.

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