20-Jähriges Jubiläum : Mit kühnen Ideen die Region fördern

Fantastisch: Die einstige Brennerei in Ganzlin ist der Sitz des FAL, Geburtsstätte zahlreicher ungewöhnlicher wie erfolgreicher Projekte
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Fantastisch: Die einstige Brennerei in Ganzlin ist der Sitz des FAL, Geburtsstätte zahlreicher ungewöhnlicher wie erfolgreicher Projekte

Anlässlich des 20. Geburtstages des FAL fand im Wangeliner Garten eine Festveranstaltung statt. SVZ-Autor Jürgen Dembski sprach mit Geschäftsführer Klaus Hirrich.

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21. Dezember 2010, 11:40 Uhr

Herr Hirrich, Sie waren einer der Geburtshelfer des FAL. Haben Sie damals gedacht, dass es den Verein noch in 20 Jahren geben wird?

Klaus Hirrich: Nicht im Traum hätte ich daran geglaubt. Wir waren, als wir den Verein 1990 gegründet haben, von etwa drei Jahren ausgegangen. Wir wollten Menschen, die ihren Job in der Landwirtschaft verloren hatten, auffangen und in der Region halten, was über den 2. Arbeitsmarkt, sprich ABM erfolgte. Nach einigen Jahren, so dachten wir, wäre das Arbeitsplatzproblem z.B. mit der Entstehung von Gewerbegebieten weitestgehend gelöst. Aber selbst heute sind wir noch nicht am Ende des Prozesses angelangt, den wir einst ins Rollen gebracht haben. Heute sind es vor allem Hartz IV-Empfänger, die der FAL beschäftigt.

Was bedeutete, die Menschen auffangen?

Die Menschen sollten nicht den Wald fegen, sondern Sinnvolles für die eigene Region machen - das war unser Grundsatz und ist es heute noch. Ich denke, zu einem sehr hohen Prozentsatz sind wir diesem Anspruch gerecht geworden. In der Anfangsphase stand die Landschafts- und Biotoppflege im Mittelpunkt, denn die Natur war und ist unser Kapital. Wir haben insbesondere Bäume ohne Ende gepflanzt, z.B. an der Kreisstraße Gnevsdorf - Wangelin ist eine ganze Birkenallee entstanden. Außerdem wurden wilde Müllhalden beräumt und bepflanzt. Fast jedes Dorf hatte zwei davon. Die größte Müllhalde war allerdings der einstige Übungsplatz der GUS-Truppen bei Retzow mit ca. 4000 Hektar.

Stichwort Truppenübungsplatz. So etwas bewältigt man doch nicht aus der hohlen Hand?

Stimmt, das war eine Wahnsinnsaufgabe, zumal das Gelände durch Munition kontaminiert war. Wir haben ein Konzept entwickelt, das für Deutschland Modellcharakter trug. Es war das finanziell aufwendigste Vorhaben, das wir je bewältigt haben. Es wurden EU-Fördermittel in Höhe von 3,5 Millionen DM in Anspruch genommen. Aber der Aufwand hat sich gelohnt, heute ist dieses Gelände das Naturschutzgebiet "Marienfließ". Konzepte haben wir auch für andere Projekte entwickelt, zumal klar wurde, dass blühende Landschaften in drei Jahren nicht zu schaffen waren. Ausbildung und Qualifizierung gewannen dabei an Stellenwert.

Welche anderen Projekte wurden auf den Weg gebracht?

Das "Ülepüle" in Retzow z. B. ist aus einer verfallenen Küsterruine entstanden. Es wurde zur Begegnungsstätte für Frauen und ein Ort der Ausbildung in traditionellen Handwerkstechniken. Mittlerweile ist daraus als eigenständiges Unternehmen eine Filzmanufaktur hervorgegangen, die europaweit und sogar darüber hinaus bekannt ist. Die Leiterin Claudia Starke war z.B. erst kürzlich wieder zu einer großen Messe in Mailand. Hintergrund für die Entstehung unserer Projekte bildete vor allem auch die Zielstellung, die Region für Gäste aber auch für die hier lebenden Menschen attraktiver zu machen. Zu diesen Projekten gehören der Lehr- und Erlebnisgarten Wangelin, der heute der größte Kräutergarten Mecklenburgs ist, das Lehmmuseum in Gnevsdorf, übrigens das einzige in Europa, der Wunderfeld-Laden in Plau am See und die Ziegelei in Benzin. Weitere Vorhaben betrafen das Gutshaus in Klein Dammerow, das heute für Seminare, Workshops usw. seine Türen öffnet. Nicht zu vergessen die alte Brennerei, die Wunderfeld e.G. als Mosterei und der Lokschuppen in Ganzlin.

Sie erwähnten als Schwerpunkt Ausbildung und Qualifizierung?

Fakt ist, dass wir als Bildungsträger Bildung in der Praxis praktizierten und das heute noch tun. Ausgangspunkt bildete die Sanierung historischer Gebäude, wodurch alte Handwerkstechniken belebt wurden. So sind wir übrigens zum Lehmbau gekommen, der heute eine zentrale Schiene unseres Wirkens darstellt. Dazu gehören als zentrale Bausteine die Europäische Bildungsstätte für Lehmbau, das Lehmmuseum und die ehemalige Lehmklut gmbH.

Gab es nie Zweifel, dass der Verein scheitern könnte?

Es gab Phasen, wo ich mehr Schwierigkeiten als Lösungen gesehen habe. Das betrifft vor allem auch die Finanzen. Als Beschäftigungsgesellschaft haben wir stets versucht, Fördertöpfe auszuschöpfen, EU-Mittel eingeschlossen. Unterm Strich sind die Finanzmittel von Jahr zu Jahr geschrumpft. Parallel haben wir uns deshalb bemüht, Wirtschaftsbereiche aufzubauen, die uns unabhängiger machen, d.h. Firmen auszugliedern - was leichter gesagt als getan ist.

Worin sehen Sie das Erfolgsrezept des FAL?

Vor allem in drei Faktoren: Erstens: in der Verschiedenartigkeit der Menschen im Verein. Jeder hat seine Stärken eingebracht, wie z.B. Kreativität oder ökonomisches Denken. Zweitens: die Parteizugehörigkeit hat niemals ein Rolle gespielt. Mit Heinz Mohr wurde sogar ein Unternehmer aus dem Westen zum 1. Vorsitzenden gewählt. Alle haben an einem Strang gezogen. Nicht selten sind die Fetzen geflogen, zumal wir ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Aber es ging immer um die Sache, um die Interessen der Region. Drittens: in der Beharrlichkeit der Anstrengungen der Menschen, die sich auf die Unterstützung durch Betriebe, Kommunen, Vereine usw. gründete.

Was ist vom Verein 2011 zu erwarten?

Wir haben "heiße Eisen" im Feuer. Ganz oben steht das Projekt "MORGENland", das unser Wirken maßgeblich bestimmen wird. Es handelt sich um ein Projekt erheblicher Dimension. Auf dem Gelände des Wangeliner Gartens entsteht ein bisher beispielloser Ort, wo sich Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene mit Zukunftsproblemen praktisch auseinandersetzen sollen. Sie wohnen z.B. in Gebäuden, die in Strohballenbauweise errichtet wurden und alternative Energiequellen nutzen. Dabei spielt die Nachhaltigkeit eine primäre Rolle. Der erste Spatenstich für das Vorhaben soll im Frühjahr erfolgen. Aber natürlich bietet unser Jahresprogramm 2011 wieder eine Fülle an Top-Veranstaltungen.

Haben Sie schon Visionen, die über 2011 hinausgehen?

An Ideen hat es uns noch nie gemangelt. Über das "MORGENland" hinaus haben wir schon relativ konkrete Visionen für ein "ABENDland". An dieser Stelle nur soviel: Wir denken an Strohballentonnen als Wohnraum für Menschen, die sich in unsere Projekte einbringen und hier leben wollen. Hier kommt übrigens Professor Gernot Minke ins Spiel. Im Rahmen unseres Jahresprogramms 2011 dürfte sein Kurs über lasttragende Strohballengewölbe in diesem Zusammenhang ein ganz besonderes Highlight darstellen und für Aufsehen sorgen.

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