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Grenzerfahrungen im Buchformat: Plauer Andreas Theodor Schön : Mit Kalaschnikow und Kaugummi

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In "Kalaschnikow und Kaugummi" gewährt er Einblicke in die Gedanken und Gefühlswelt eines jungen Mannes, der tagtäglich Gefahren am Todesstreifen ausgesetzt war.

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erstellt am 07.Jul.2011 | 11:23 Uhr

Dort, wo einst zwei Weltsysteme aufeinander prallten, in einem Gebiet, das sich Todeszone nannte, dort sollte Andreas Theodor Schön DDR-Bürger an der Flucht in den Westen hindern.

Als 20-jähriger Jungspund wurde er als Grenzer an die Berliner Mauer geschickt. Am 13. August jährt sich der Mauerbau bereits zum fünfzigsten Mal. Die Erlebnisse, die Schön Mitte der 60er-Jahre in Ost-Berlin machte, sind ihm noch heute sehr präsent. "Bewaffnet mit Stahlhelm und Kalaschnikow fuhr ich damals durch Berlin", erinnert sich Schön. Der ständige Gewissenskonflikt - den Schießbefehl ausführen oder Knast-, die Anspannung beim Wachdienst, die permanente Konfrontation mit dem vermeintlichen Feind - all das bestimmte 18 Monate lang den Alltag von Andreas Theodor Schön. Was er in dieser Zeit alles erlebte, hat der Plauer in einem Buch niedergeschrieben. In "Kalaschnikow und Kaugummi" gewährt er Einblicke in die Gedanken und Gefühlswelt eines jungen Mannes, der tagtäglich Gefahren am Todesstreifen ausgesetzt war. "Man hatte mich an eine Stelle geschickt, an der ich hätte sterben oder in eine Situation kommen können, in der ich einen anderen hätte erschießen müssen", sagt Schön. Als Mauerwächter lebte er in ständigem Zwiespalt. "Da stand ich als Sohn eines Franzosen und sollte mit der Kalaschnikow gegen die Alliierten stehen", verdeutlicht Schön. Vom so genannten Ehrendienst und dem bedingungslosen Gehorsam distanziert er sich heute ausdrücklich.Verarbeitet hat er diese Erfahrungen in seinem Buch. Doch nicht nur negatives, auch manch lustige Anekdote finden sich darin, wie die über das U-Bahn-Surfen unter der Berliner Mauer oder einer schönen Begegnung, die ihn letzendlich auf den Buchtitel brachte: "Von drüben fragten Kinder, ob wir Kaugummi hätten. Als Grenzer hatten wir immer Süßigkeiten dabei und warfen den Kindern welche über die Mauer. In deren Augen waren wir eben keine Feinde." Solche Erfahrungen will er weitergeben. "Es war mir ein Bedürfnis, das Buch zu schreiben. Ich habe damit das Visier weit geöffnet. Aber das kann ich auch. Ich habe nichts zu verheimlichen. Ich habe damals auf niemanden geschossen", sagt er. Dass er nie in eine Situation geraten ist, in der er hätte schießen müssen, dafür ist Schön dankbar. Sein Buch widmet er deshalb all jenen Republikflüchtlingen, die nicht in seinem Bereich die Flucht versucht haben. "Sie haben mir viel erspart." Seinen Erfahrungsbericht stellt Schön morgen Abend ab 19 Uhr in Plau vor. Bei einer Lesung im Hof der Familie Hillmann, Wallstraße 13, nimmt er sein Publikum mit auf eine Reise zurück in die Vergangenheit - einer Zeit, in der er "als Rädchen in einem Uhrwerk funktionierte und damit Unrecht gestützt hat", einen Dienst, auf den er nicht stolz ist.

"Kalaschnikow und Kaugummi", von Andreas Theodor Schön, ISBN978-3-9813533-3-4

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