Mit der „Hummel“ in den Westen

Auch fast zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall haben viele Menschen das Thema Stasi noch nicht zu den Akten gelegt. Mehr als 100 Einwohner von Gadebusch und umliegenden Orten stellten in dieser Woche einen Antrag bei der Birthler-Behörde. Dort lagern auch Dokumente einer spektakulären Flucht.

von
05. März 2008, 07:05 Uhr

Gadebusch - Zahlreiche Berichte und Fotos gibt es zu der Flucht einer Familie mit einem Düngerflugzeug. Von Ganzow aus flog ein Mechaniker im August 1973 mit Frau und Kind in Richtung Dechow und Ratzeburg. Seine erfolgreiche, wenn auch etwas unsanfte Landung in der Nähe von Lübeck wurde von westlichen Medien bekannt gemacht. „Zur ,Schadensbegrenzung’ verstärkte die Stasi die Kontrolle im Verwandten- und Bekanntenkreis der Flüchtlinge. Die schriftliche Warnung der Flüchtlinge an die in der DDR verbliebenen Eltern ,Denkt daran, dass die Staatssicherheit alle Eure und meine Briefe liest’, findet sich noch heute in den Akten“, berichtet Peter Sense von der Birthler-Behörde. Er und zwei weitere Mitarbeiter waren jetzt im Gadebuscher Rathaus und halfen mehr als 100 Antragstellern beim Ausfüllen der Papiere.
Bundesweit gehen bei der Birthler-Behörde noch immer zehntausende Neuanträge ein. „Im Jahr 2006 waren es 97 000 , im vergangenen Jahr sogar mehr als 100 000 Neuanträge“, sagt Peter Sense. Viele der Antragsteller hätten erst jetzt den nötigen zeitlichen Abstand oder auch die Kraft um zu erfahren, wer sie einst bespitzelte. Kurios: Auch Kinofilme wie „Das Leben der Anderen“ mit Ulrich Mühe lösten einen Antragsschub in der Birthler-Behörde aus.

Es existieren noch 60 Meter Schriftgut„Bis heute konnten wir auf Anfrage von Gadebuschern die Decknamen von 554 Inoffiziellen Mitarbeitern entschlüsseln“, berichtet Sense (51). Etwa 60 laufende Meter Schriftgut gibt es heute noch von der Kreisdienststelle der Gadebuscher Stasi. Zwischen den Aktendeckeln lagern Spitzelberichte, eingezogene Briefe und Fotos aus heimlichen Wohnungsdurchsuchungen.
Dokumentiert sind auch Plakataufschriften vom November 1989, als etwa 1500 Demonstranten in Gadebusch auf die Straße gingen. Einer von 28 Dienststellen-Mitarbeiter notierte damals auf unliniertem Papier, was Gadebuscher forderten: „Demokratie jetzt oder nie“, „Wir sind das Volk“ oder „Freie Wahlen“.
In der Birthler-Behörde archiviert sind auch Arbeitspläne der Stasi. Darin wird deutlich: 1989 plante der Staatssicherheitsdienst weitere Konspirative Wohnungen für Treffen mit Informanten in Gadebusch, Köchelstorf und Rehna einzurichten. „,Willi Block’ hatte aus der LPG Veelböken zu berichten. Der Inoffizielle Mitarbeiter mit dem Decknamen ,Klaus Kretschmann’ sollte zur Operativen Personenkontrolle ,Weizen’ in der LPG Köchelstorf eingesetzt werden. Informationen aus Kirchenkreisen wurden von ,Ramona’ oder ,Schubert’ erwartet. “, sagt Peter Sense. Nach seinen Angaben gab es in der Region insgesamt 71 Konspirative Wohnungen.
Dienststelle mit
besonderer BedeutungDie 91 000 Hauptamtlichen Mitarbeiter und weitere 170 000 Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des Staatssicherheitsdienstes sollten eine lückenlose Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung in der DDR gewährleisten. Auch die Dienststelle in Gadebusch war von besonderer Bedeutung, da sie unmittelbar an der deutsch-deutschen Grenze lag.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen