Mit Boykott zu fairem Milchpreis

Die Zufahrt zur Molkerei Karstädt ist seit gestern fünf Uhr früh mit schwerer Landtechnik blockiert. Der Aufruf zum bundesweiten Lieferboykott hat mit voller Kraft auch die Prignitz erfasst. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter und Kreisbauernverband Prignitz stehen hinter der Aktion.

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29. Mai 2008, 09:44 Uhr

Karstädt - Kein Transporter kommt mehr auf das Gelände, geschweige runter. Immer mehr Technik rollt an, auch Fahrzeuge von Feldbauproduzenten, die damit ihre Solidarität mit den Milchbauern bekunden.

Leichte Spannung kommt auf, als die Polizei auf der spontanen, nicht angemeldeten Demo Kfz-Kennzeichen notiert, fotografiert und einen Versammlungsleiter als Ansprechpartner genannt haben möchte. Auch verweist sie darauf, dass angeforderte Technik die Zufahrt zur Molkerei beräumen könnte – für die Betroffenen teuer und verbunden mit einer Anzeige wegen Nötigung. Entspannung, als die Hansano-Geschäftsführung aus Upahl/Nordwestmecklenburg mitteilt, dass sie die Blockade dulde. Vor Ort bleibt noch ein Streifenwagen. Mehr Informationen gab das Unternehmen bis zum Redaktionsschluss nicht.

Kämpferische Stimmung
Die Stimmung unter den mehr als 50 Milchbauern und Mitarbeitern der Prignitz und dem angrenzenden Mecklenburg ist kämpferisch. „Wir haben bis nachts 2 Uhr die Blockade in Upahl unterstützt und sind jetzt hier, um Gleiches zu tun. Bei den Preisen, die wir für den Liter bekommen – im Moment 30 Cent – wissen wir angesichts drastisch gestiegener Betriebskosten nicht mehr, wie es weitergehen soll“, macht Barbara Willer aus Brunow den Unmut der Bauern deutlich.
Sie ist Arbeitgeberin von 40 Beschäftigten und liefert täglich 23 000 Liter des weißen Rohstoffes nach Karstädt. „Die Situation ist schlimmer als vor einem Jahr, als wir 27 Cent pro Liter erhielten.
Denn seitdem sind die Preise für Kraftfutter, Dünger, Pflanzenschutz usw. explodiert, vom Diesel ganz zu schweigen.“ Jeder versuche, die gestiegenen Kosten umzulegen. „Wo sollen wir Produzenten das?“, fragt sie erregt. Ihr Unternehmen sei gerade dabei zu investieren, 3,5 Millonen Euro in einen neuen Stall für 500 Tiere, mit Melkkarussell, Silo, Güllelager. „Wenn man dieses Geld investiert, will man dauerhaft Arbeit sichern“, betont Willer. Und außerdem: Investitionen der Landwirte sichern Arbeitsplätze in der Industrie.

Kampf bis zum Erfolg durchstehen
„Wenn wir das jetzt nicht durchstehen, geht der Milchpreis noch weiter nach unten und dann ist es aus“, machen Gerd Kolrep aus Boberow und Carsten Heisler aus Dallmin die dramatische Situation deutlich. Ob Torsten Schwarz aus Postlin, die Jäger GbR Blüthen, Landgenossenschaft Pröttlin oder Agrargenossenschaft Berge: Alle wollen den Lieferboykoot unterstützen. Ebenso die Agrargenossenschaft Karstädt, die am Dienstag noch einen anderen Standpunkt bezog. „Nach dem Abwägen von allem Für und Wider im Vorstand und Aufsichtsrat halten wir es für notwendig, uns anzuschließen, auch wenn wir täglich 28 000 Liter Milch in die Gülle kippen müssen“, erklärt Vorsitzender Lothar Pawlowski. Eine Möglichkeit zur eigenen Verwertung besteht nicht. Nur wenige Betriebe können einen Teil verfüttern.

„Es tut verdammt weh, die Milch wegzukippen“, bekennen die Landwirte. Keiner sei auf Streik ausgewesen, doch es gehe nicht anderes und das Wegkippen der Milch sei ein Zeichen dafür, in welch verzweifelten Situation man sich befinde. „Die Politik hilft uns nicht, die Milchquote zu erhöhen, wie sie es plant und damit noch mehr Milch auf den Markt zu bringen, ist der total verkehrte Weg.“
Stimmungsschub gegen 11.30 Uhr, als der Kreisbauernverband Prignitz seine Unterstützung erklärt und alle Mitglieder und Nicht-Mitglieder zur Teilnahme am Milchlieferstreik aufruft.

Mit der Blockade erreichten gestern etwa 235 000 Liter Milch (recherchierte Menge der anwesenden Demo-Betriebe) nicht die Molkerei Karstädt. Der Kampf soll weitergehen, bis ein für die Milchbauern akzeptables Ergebnis erreicht ist. „Es geht uns nicht nur um einen höheren Milchpreis, sondern auch darum, zusammen mit den Molkereien gegenüber dem Einzelhandel langfristig höhere Erlöse zu erzielen“, stellt Helge Dieckmann klar. Diesen Ansatz vermisse er bisher aber bei den Molkereien.

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