Misshandlung: Unsichtbare Narben in der Kinderseele, Rechtsmediziner untersuchen öfter

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09. September 2008, 09:42 Uhr

Neubrandenburg/Greifswald - Immer wieder schrecken Fälle von schlimmer Kindesmisshandlung, wie der des kleinen Nico, die Menschen auf. In Neubrandenburg soll heute das Urteil gegen eine 19-Jährige gesprochen werden, die den Dreijährigen in eine Badewanne mit 60 Grad heißem Wasser gedrückt haben soll. Der Junge überlebte knapp.

Auch der Fall der kleinen Lea-Marie erschütterte, er gehört zu den eindringlichsten Erlebnissen des Gerichtsmediziners Klaus-Peter Philipp. Im Juni 2006 untersuchte er das Mädchen, das mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Uni-Klinikum Greifswald eingeliefert worden war.

Philipp diagnostizierte in der Speiseröhre Verletzungen, die auf Misshandlung hindeuteten, brachte den Fall zur Anzeige und beendete damit ein jahrelanges Martyrium. Im Januar 2007 wurde die Mutter, die ihrem Kind jahrelang Essigessenz und Kalkreiniger eingeflößt hatte, zu neun Jahren Haft verurteilt.

In diesem Jahr bereits 21 Kinder untersucht
So tragisch wie dieser und ähnliche Fälle gewesen seien, sie hätten auch Positives bewirkt, meint die Leiterin des Instituts für Rechtsmedizin, Britta Bockholdt. Denn die Experten, die darauf spezialisiert sind, Misshandlungen von normalen Unfällen zu unterscheiden, werden seit Fällen wie dem von Lea-Marie öfter zu so genannten „körperlichen Untersuchungen“ von Kindern gerufen.

Allein die Mediziner in Greifswald untersuchten in diesem Jahr bisher 21 Kinder und damit bereits fast doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr. Nicht immer bestätige sich der Verdacht einer Kindesmisshandlung, erklärt Bockholdt. Doch bei den insgesamt 51 Kindesuntersuchungen seit 2003 wurden bei 23 Kindern Zeichen für eine Misshandlung gefunden. Zum Teil zeigten sich Zeichen massiver Gewalteinwirkung, die als lebensbedrohlich eingestuft werden können.

In zwei Fällen wiesen die Mediziner ein Schütteltrauma nach. Die Zunahme der Untersuchungen sei aber nicht mit einem Anstieg der Kindesmisshandlungen gleichzusetzen, betonen Experten. Doch: „Dank des sensibleren Meldeverhaltens untersuchen wir jetzt Kinder, die früher in der großen Grauzone der Dunkelziffer zu finden waren“, sagt Philipp.

Obwohl, so die Befürchtung, noch immer von einer hohen Zahl nicht aufgedeckter Fälle auszugehen ist. Vor allem seelische Verletzungen und Vernachlässigungen könnten nicht entdeckt werden, denn sie hinterlassen zunächst nur unsichtbare Narben in der Kinderseele.

Die Jugendämter im Land nehmen immer öfter Kinder aus ihren Familien, weil sie Gefahr für deren Wohlergehen sehen. So wurden in Greifswald im ersten Halbjahr 43 Mädchen und Jungen vom Amt in Obhut genommen – in den ersten sechs Monaten des Vorjahres waren es 26. In Neubrandenburg wurde im ersten Halbjahr 2008 mit 24 Inobhutnahmen schon fast die Gesamtzahl des Vorjahres von 25 erreicht. Eine ähnliche Tendenz wird aus Schwerin gemeldet: Dort gab es bis Mitte Juli 62 Inobhutnahmen nach 70 im ganzen Jahr davor. Rostocker meldete für 2007 insgesamt 186 Fälle, im ersten Halbjahr 2008 bereits 107.

Ämter, Polizei und Ärzte sensibilisiert
Die Bevölkerung sei nach Fällen wie dem von Lea-Maria oder der in Schwerin verhungerten Lea- Sophie sensibilisiert und weise eher auf Probleme hin, heißt es unisono aus den Ämtern. Auch Kinderärzte und Polizei würden genauer hinsehen. Aber auch eine zunehmende Überforderung von Eltern, vor allem von solchen, die in Armut oder an der Grenze dazu leben, beobachten die Experten in den Ämtern.

Die Rechtsmediziner setzen beim Thema Kindesmisshandlung auf die Bildung von Netzwerken und auf Aufklärung – vor allem von Kinderärzten. Kinderärzte müssten vor allem die Ansprechpartner kennen und wissen, was sie zu tun haben, wenn ein Kind mit nicht erklärbaren Verletzungen zu ihnen in die Sprechstunde kommt. Am besten sei meist eine Einweisung ins Krankenhaus, um die Ursachen abzuklären.

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