Milchhöfe vor dem Kollaps

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14. Mai 2009, 11:04 Uhr

Den Milchbauern geht langsam die Luft aus. Schätzungen des Bundes Deutschen Milchviehhalter zufolge (BDM) werden ein Drittel der 850 Milchproduzenten in MV die bisher größte Krise der Branche nicht überstehen. Gefährdet seien vor allem jene Betriebe, die ausschließlich auf die Milchproduktion gesetzt hätten und Ausfälle nicht durch Erlöse aus anderen Produktionsbereichen ausgleichen könnten, erklärte BDM-Landesvorstand Peter Guhl. In Westmecklenburg hätten die ersten größeren Milchhöfe schon angekündigt, die Produktion einzustellen. "In kleineren Betrieben sparen die Firmeninhaber noch bei sich selbst, aber größere Betriebe müssen zusehen, dass sie die Löhne am Monatsende zahlen können", so Guhl.

Melken bis der Arzt kommtDie Situation wird brenzlig. Einige Bauern erhielten nur noch 17 Cent für einen Liter Milch, kritisierte Guhl. Das Ende ist noch nicht erreicht. "Es gibt keine Bodenbildung." Zwischen 33 und 38 Cent wären notwendig, um rentabel wirtschaften zu können. Um wenigsten die Fixkosten zu decken, setzten einige Betriebe nur noch auf Masse. "Die melken bis der Arzt kommt". Das sei zwar betriebswirtschaftlich wenig sinnvoll. Aber: "Liquidität geht vor Rentabilität", erklärte Guhl.

Das bringt die Branche aber zusätzlich unter Druck. Der Markt steht bereits durch das Überangebot an Milch vor dem Kollaps. So stieg die Milchproduktion der 174 000 Kühe in MV im vergangenen Jahr um 1,7 Prozent auf 1,4 Millionen Tonnen, ermittelte das Statistische Amt in Schwerin.

In den Milchviehställen und bei den Verarbeitern macht sich Ohnmacht breit. In Schleswig-Holstein greife die erste Molkerei bereits zu radikalen Maßnahmen. Statt die Milch zu verarbeiten, werde sie lieber in einer Mastanlagen den Schweinen ins Futter gegeben, sagte Guhl. Bei den immer weiter vom Handel gedrückten Lebensmittelpreisen lohne eine Verarbeitung nicht mehr.

Preistreiberei des Handels Seit Monaten schreiben die Betriebe rote Zahlen. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse das Problem endlich zur Chefsache machen, forderte Guhl und verlangte die beim Milchgipfel vor einem Jahr zugesagten marktentlastenden Maßnahmen wie z. B. die Mengensteuerung durchzusetzen. Obwohl die Preise im freien Fall seien, habe die EU bislang nur die Milchquote weiter erhöht, kritisierte Guhl.

Vor allem die Preisstrategie der Discounter macht den Landwirten zu schaffen. Rainer Tietböhl, Präsident des Landesbauernverbandes, kritisierte gestern sowohl den Lebensmitteleinzelhandel als auch die Verarbeiter, die sich am Preisdumping beteiligten. Die Politik dürfe nicht zusehen, dass auf dem Rücken der Bauern der Preiskampf ausgetragen und dieses als "Marktgeschehen" geduldet werde.

Ein Ausstieg aus der Milchproduktion könnte den Bauern indes teuer zu stehen kommen. Die Betriebe fürchteten, dass sie dann früher erhaltene Fördergelder zurückzahlen müssten, erklärte Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) gestern in Schwerin. "Wir hoffen, dass wir den Betrieben helfen können." Ein pauschaler Verzicht auf die Rückzahlung von Subventionen werde es aber nicht geben. Torsten Roth

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