Milch sprüht aus dem Gülle-Tank

Die Bauern der Region Bützow setzten gestern im Kampf um höhere Milchpreise brutale Zeichen: Landwirt Poppe Gerken versprühte 5000 Liter weißes Gold aus dem Gülle-Tank auf den Acker. Der Bauernverband ließ Regale der Discounter komplett leerkaufen.

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30. Mai 2008, 08:03 Uhr

Bützow - Poppe Gerken schüttelt traurig den Kopf und blickt dennoch kämpferisch. Seine Frau Erna sagt: „Ich könnte heulen.“ Ihre Augen sind leer.

Um 2 Uhr nachts steigt der Landwirt aus Zepelin gestern aus dem Bett. Dann ist für ihn klar: „Ich tue es.“ Stunden später versprüht ein Mitarbeiter Gerkens rund 5000 Liter frische Milch auf einem Feld bei Bützow, auf dem Hirse wachsen soll. Milch aus dem Gülle-Wagen, wertvolles Lebensmittel, das weiße Gold der Bauern – die Arbeit eines Tages. In zwei Minuten ist alles vorbei. 1500 Euro im Sand. „Es geht nicht anders“, sagt Poppe Gerken.

Die Aktion richte sich wie die vieler Landwirte bundesweit gegen die Macht der Discounter und Molkereien, die Milchbauern seit Jahren einfach zu wenig Geld für ihr Produkt zahlten. 30 Cent bekommt Gerken pro Liter von der Warener Molkerei, 28 sollen es bald nur noch sein. 40 Cent wären seiner Meinung nach nötig. Der Bundesverband der Milchviehhalter (BDM) hatte zu Protesten aufgerufen.

Den Zepeliner Bauern plagen Skrupel. „Ethisch“, sagt er. „Viele Menschen hungern.“ Doch was solle er tun? „Ist es ethisch, wenn ich meine Leute nicht mehr bezahlen kann, sie kein Geld für ihre Familien haben?“, fragt der Zepeliner. Die Monopol-Stellung der Molkerein zwinge Landwirte in den Ruin. Was ihn wurmt: Den Molkereien seien die Proteste bisher völlig egal. „Sie sagen uns: Macht nur, das stört uns nicht.“ Wenn er dort anrufe, „sind die in China oder liegen in Dubai am Strand“, braust der Bauer auf. Er sei froh, dass es in der Bevölkerung so viel Verständnis für die Aktionen gebe. Gegen Mittag rollt gestern der Milchwagen der Firma Nordmilch in Zepelin an, doch der Tank ist leer.

Es müsse endlich ein Zeichen gegen die Markt-Dominanz und „absolute Arroganz“ der Molkereien her, sagt Poppe Gerken. Er sei sicher: Verlieren die Milch-Bauern diesen Kampf, nehmen künftig keine mehr an Protesten teil. Daher ist er sauer, dass viele Bauern dem Aufruf des BDM immer noch nicht folgen, so z.B. große Betriebe, die im Bauernverband organisiert sind.

Gegen Mittag zeigt der Bützower Bauernverband im Bützower Aldi-Markt seine Zähne. Geschäftsführerin Katrin Kauer packt stapelweise Frischmilch in ihren Wagen, Landwirt Michael Constien fährt mit 450 Portionen Trink-Joghurt an der Kasse vor. Die Strategie: „Wir wollen einzelne Milch-Produkte aufkaufen“, sagt Kauer. Die Discounter sollen den Druck von der anderen Seite spüren, wenn Kunden vor leeren Regalen stehen.

„Keine Butter in Bützow“
Das geschieht gestern bereits gegen 13 Uhr. Anja Boos (24) aus Kuchelmiß traut ihren Augen nicht, als im Aldi und Edeka in der Wismarschen Straße die preiswerte Butter aus ist. Sie ist wütend: „Die teure Butter kann ich mir nicht leisten.“ Sie wollte einen Kuchen backen, daraus wird erstmal nichts. Boos schimpft auf die Nachricht des Einzelhandels, dass es keine Engpässe geben solle: „Das stimmt gar nicht. In Bützow gibt es keine Butter mehr.“

Ein Grund: Der Landwirtschaftsbetrieb Griepentrog aus Steinhagen hat alle 65 Mitarbeiter mit jeweils 100 Euro losgeschickt. Nacheinander sollen sie Milchprodukte kaufen, bis auch die Reserven aufgebraucht sind. „Die Lebensmittel erhält die Bützower Tafel“, sagt Andy Griepentrog.

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