Mehr Förderung in sozialen Brennpunkten

Mehr Hilfe für förderbedürftige Kinder, niederschwellige Beratung für Eltern, Unterstützung von Senioren-Projekten – das gehört zu den Zielen der neuen Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD). Das Interview führte Angela Hoffmann.

von
17. Oktober 2008, 08:07 Uhr

Frau Ministerin, haben Sie sich schon an diese Anrede gewöhnt?
Schwesig:
Ja, doch. Ich bin eigentlich nicht jemand, der so sehr auf Formalien Wert legt. Aber ich habe mich in den letzten Tagen sehr gut eingelebt. Das ging erstaunlich schnell. Ich bin seit 15 Jahren in verschiedenen Verwaltungsbereichen tätig und wusste schon, was auf mich zukommt. Natürlich gibt es Felder, die neu sind, aber ich habe die Energie und die Leidenschaft, mich jetzt reinzuknien.

Mit 34 Jahren sind Sie aktuell die jüngste Ministerin in Deutschland. Ist das eher ein Vor- oder ein Nachteil?
Schwesig:
Ich finde das Signal gut, das davon ausgeht. Denn Ministerpräsident Erwin Sellering sendet damit vor allem ein Zeichen an die jungen Menschen in unserem Land, dass es richtig ist, dass sie Verantwortung übernehmen. Ich finde, damit hat er mehr getan als viele, die in ihren Sonntagsreden sagen, wir müssen etwas für die jungen Leute in unserem Land unternehmen.

Im Amt erfolgt ein SPD-interner Stabswechsel. Wird es da mit Ihnen vor allem ein „Weiter so“ geben oder welche eigenen Akzente wollen Sie setzen?
Schwesig:
Herr Sellering hat mit der Übernahme des Sozialministeriums und des SPD-Landesvorsitzes einen Schwerpunkt auf den sozialen Bereich und die Familienpolitik gelegt. Es freut mich sehr, dass ich jetzt die Chance habe, dies fortzusetzen und auszubauen, weil es die Themen sind, für die ich brenne: Familie, Kinder, Jugend, Soziales und Gesundheit. Mir ist wichtig, MV als kinder- und familienfreundliches Land weiterzuentwickeln. Dabei liegt mir das Miteinander der Generationen am Herzen. Ich unterstütze Projekte, die das ehrenamtliche Engagement von Senioren und ein Altern in Würde fördern.
Im Kita-Bereich ist schon viel getan worden, das weiß ich auch als junge Mutter, deren Kind in eine Krippe geht. Da stehen wir zum Beispiel was die Zahl der Plätze angeht an der Spitze in Deutschland. Wenn wir in den nächsten Monaten das Kita-Gesetz novellieren, wird im Fokus stehen, wie wir noch mehr für die Chancengleichheit tun können. Es darf nicht sein, dass allein das soziale Umfeld der Kinder darüber entscheidet, welche Chancen sie im Leben haben.

Gibt es schon konkrete Ideen?
Schwesig:
Was mir da ganz stark vorschwebt, ist die Förderung in Kitas in sozialen Brennpunkten. Hier werden wir auch über eine Verbesserung des Betreuungsschlüssels reden. Wir müssen mehr Geld in die Hand nehmen, aber dieses Geld ist auch endlich und sollte konzentriert eingesetzt werden. Interessant sind zudem Kitas als Familienzentren. Für Eltern ist es leichter, sich dort beraten zu lassen, wo sie ihr Kind sowieso schon täglich in guten Händen wissen. Stärken und Defizite der Kinder sollten schon vor der Vorschuluntersuchung erkannt werden. Beispiel Sprachförderung: Derzeit dürfen Logopäden nicht in Kitas gehen, sondern müssen aufgesucht werden. Das können nicht alle Eltern leisten. Hier spreche ich gerade mit den Fachleuten in unserem Haus, wie wir beim Bundesgesundheitsausschuss zu einer besseren Regelung kommen können.

Ihr finanzieller Spielraum ist durch den Sparkurs des Landes begrenzt. Aktuelles Beispiel Landesblindengeld: Sind Sie ebenfalls für Kürzungen und wenn ja in welcher Höhe?
Schwesig:
Für die Sozialministerin ist es von Bedeutung, dass das Land einen soliden Haushalt hat. Denn nur so ist auch die Soziallandschaft gesichert. Aber natürlich werde ich geplante Kürzungen im Sozialbereich kritisch hinterfragen. Das Landesblindengeld ist jetzt im parlamentarischen Verfahren. Da ist es zunächst wichtig, die Betroffenen in den Anhörungen zu Wort kommen zu lassen und sich ihre Sorgen ernsthaft anzuhören.

Bleibt aber die Frage, ob Sie generell für eine Kürzung sind?
Schwesig:
Ich möchte erst das Ergebnis der Anhörung abwarten.

MV will seit Jahren Gesundheitsland Nr. 1 werden, obwohl der Gesundheitszustand der eigenen Bevölkerung dagegen spricht. Wie soll das also gehen?
Schwesig:
MV ist das erste Land, das einen Aktionsplan zur Gesundheitsförderung aufgelegt hat. Das heißt, dass sich alle Akteure von den Krankenkassen bis zum Städte- und Gemeindetag an einen Tisch setzen. Dieses Netzwerk ist ein erster wichtiger Schritt, der gewährleistet, dass das Thema in alle Lebensbereiche einfließt.

Das zweite große Ziel ist das Kinderland. Was muss passieren, damit MV diese Bezeichnung zu Recht führen kann?
Schwesig:
Kinder sind das größte Glück im Leben. Wir alle müssen dafür sorgen, dass sie bestmögliche Chancen haben und geschützt werden, auch vor Gewalt und Missbrauch. Natürlich sind in erster Linie die Eltern verantwortlich. Die Mehrzahl der Eltern wird dem tagtäglich gerecht und braucht Unterstützung vor allem bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Als junge Mutter weiß ich selbst sehr gut, dass viele täglich diesen Spagat leisten müssen.

Beim Kinderschutz müssen wir versuchen, Eltern, die überfordert sind, so früh wie möglich zu helfen. Da gibt es viele Programme wie „Eltern stark machen“ und die Familienhebammen. Hinzu kommen die Vorsorgeuntersuchungen. Zukünftig werden wir Eltern, die nicht mit ihren Kindern dort hingehen, auf die kostenlosen Untersuchungen hinweisen und prüfen, warum sie nicht teilnehmen.

Wo hakt es bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach Ihrer eigenen Erfahrung am meisten: Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft?
Schwesig:
Wir brauchen einen Mentalitätswechsel hin zu mehr Kinderfreundlichkeit. Da kann die Politik noch so gute Gesetze machen, am Ende kommt es darauf an, wie wir tagtäglich mit jungen Familien umgehen. Eine große Unterstützung sind hier die lokalen Bündnisse für Familie. Außerdem ist es wichtig, dass die Eltern Arbeit haben, und zwar eine gute, von der sie ihre Kinder ernähren können. Ich finde, es ist nichts schlimmer, als dass Eltern jeden Tag arbeiten gehen und der Lohn nicht zum Leben reicht. Deshalb bin ich eine Verfechterin des Mindestlohns. Verbesserungen brauchen wir zudem bei den Randzeiten in Kitas. Und ich wünsche mir, dass Unternehmen noch familienfreundlicher werden. Gerade junge Väter in meiner Generation wollen von der Elternzeit Gebrauch machen, stoßen hier und da aber noch auf Widerstand. Ich glaube, dass mindestens zwei Monate Vaterzeit viel mehr an Sozialkompetenz bringen als alle Kurse, die manchen Managern in diese Richtung angeboten werden.

Als Ministerin haben Sie sich viel vorgenommen. Wie holen Sie sich privat Ihren Ausgleich?
Schwesig:
Mein Ausgleich ist meine Familie. Ich nehme mir morgens Zeit für meinen Sohn und bringe ihn zur Kita. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten zu dritt mit meinem Mann und meinem Sohn. So ein kleiner Junge hält einen auf Trab und sorgt dafür, dass man ganz schnell auf andere Gedanken kommt.

Mit 34 schon Sozialministerin. Was kommt als Nächstes?
Schwesig:
Darüber denke ich im Moment gar nicht nach. Es ist jetzt meine Aufgabe, an die Zukunft der Menschen in unserem Land zu denken, nicht an meine eigene. Deshalb möchte ich mit 100 Prozent Sozialministerin sein.

Zur Person:
Manuela Schwesig ist seit dem 6. Oktober 2008 Sozialministerin und damit Nachfolgerin von Erwin Sellering. Zuvor hatte die 34-jährige Diplom-Finanzwirtin aus Frankfurt (Oder) im Finanzministerium von MV gearbeitet und den Vorsitz der Schweriner SPD-Stadtfraktion inne. Sie ist verheiratet und hat einen
eineinhalbjährigen Sohn.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen