Mediziner warnt vor Folgen einer lauten Dauerbeschallung

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15. April 2008, 07:09 Uhr

Lärm war früher vor allem ein Problem in der Industrie. Doch dort gehen die Belastungen immer weiter zurück. Freizeitlärm nimmt dafür in beängstigendem Umfang zu. Über die Folgen sprach Karin Preuß mit Dr. med. Henning Wiegels, Chefarzt der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten an den Schweriner Helios Kliniken.

Sehr laute Geräusche, auch sehr laute Musik tun in den Ohren regelrecht weh. Ist das ein rein subjektives Empfinden?
Dr. Wiegels: Lärmempfinden ist individuell unterschiedlich. Aber ab einer gewissen Lautstärke wird Lärm tatsächlich als Schmerz empfunden. Der Schwellenwert dafür liegt bei 120 Dezibel. Einen derartigen Geräuschpegel erreicht zum Beispiel ein Düsentriebwerk. Der Wert, ab dem Lärm das Gehör schädigt, liegt allerdings schon deutlich niedriger und zwar bei 85 Dezibel. Diesen Wert erreicht bereits so manches Auto, das vorbeifährt.

Wie lange würde man derartigen Lärm als Dauerbeschallung ertragen, ohne Schaden zu nehmen?
Dr. Wiegels: Die 85 Dezibel sind für maximal acht Stunden erträglich. Danach braucht das Ohr dann allerdings auch zehn Stunden, um sich zu erholen.
Tückisch an der Lärmskala ist allerdings, dass es sich um ein logarithmisches Maßsystem handelt. Bei nur drei Dezibel mehr verdoppelt sich die Schädigung bereits. 88 Dezibel sind also nur noch vier Stunden lang erträglich, ohne dass das Gehör geschädigt wird. Diskomusik mit 106 Dezibel führt schon nach 3,75 Minuten zu einer Schädigung des Gehörs. Noch extremer ist es bei einem Walkman (118 dB, 14 Sekunden), einem Knackfrosch ( 127 dB, 1,75 Sekunden) einer Trillerpfeife (130 dB, 0,9 Sekunden) oder einer Knallplätzchenpistole (133 dB, 0,4 Sekunden).

Das klingt , als hätten heutzutage schon die meisten Kinder und Jugendlichen ein Hörproblem
Dr. Wiegels: Tatsächlich haben Befragungen ergeben, dass 80 Prozent der Jugendlichen täglich im Durchschnitt zwei bis drei Stunden lang laute Musik hören – sei es mit dem Walkman oder in der Disko. Zehn Prozent dieser Jugendlichen setzen sich diesem Lärm täglich sogar mehr als fünf Stunden lang aus. Im Ergebnis dessen hören bereits acht Prozent aller Jugendlichen so schlecht, dass sie ein Hörgerät tragen müssten. Oder eine andere, ebenso beeindruckende Zahl: Bei Musterungen wird mittlerweile bei 60 Prozent der potenziellen Wehrdienstleistenden festgestellt, dass sie über kein normales Gehör mehr verfügen.

Was tut sich im Ohr, wenn Lärm dauerhaft darauf einwirkt?
Dr. Wiegels: Der Mensch hat in jedem Ohr etwa 15 000 Sinneszellen, die für das Hören zuständig sind. Die äußeren dieser Sinneszellen verstärken leise und dämpfen laute Töne. Lärm lässt diese Haarzellen absterben. Die Folge ist, dass leise Töne nicht mehr gehört werden und laute als zu laut empfunden werden. Betroffene sagen häufig: Ich höre, aber ich verstehe nicht. Um zu helfen, muss der Gesprächspartner in einer solchen Situation nicht etwa lauter, sondern langsamer sprechen. Von Immanuel Kant stammt ein Satz, der die Folgen ganz treffend beschreibt: „ Nicht sehen trennt von den Dingen. Nicht hören trennt von den Menschen.“

Gibt es noch andere Auswirkungen, die Lärm auf den menschlichen Organismus hat?
Dr. Wiegels: Lärm fördert nachweislich Herz-Kreislauf-Störungen. Er kann die psychische Gesundheit beeinflussen. Und neueste Studien haben festgestellt, dass sogar das Immunsystem durch Lärm geschädigt wird, so dass es eher zu Krebserkrankungen kommen kann.

Müsste angesichts dieser Folgen die Politik nicht entschiedener gegen Lärmbelästigung vorgehen?
Dr. Wiegels: Ja, das müsste sie, und es ärgert mich, dass die Politik in Deutschland einfach nicht bereit ist, hier aktiv einzusteigen. Andere Länder sind da schon viel weiter. In der Schweiz wurde zum Beispiel schon 1996 ein Gesetz zum Schutz des Publikums vor Lärmeinwirkungen erlassen, das einen Maximalpegel für Diskotheken festlegt. Ein ähnliches Gesetz gibt es auch in Italien. In Frankreich ist gesetzlich ein Maximalpegel für Kopfhörer festgelegt. Im europäischen Rahmen gibt es mittlerweile auch Aktivitäten, um den Geräuschpegel von Kinderspielzeug einzudämmen – aber das kann dauern

Wie kann die Medizin Lärmgeschädigten helfen?
Dr. Wiegels: Akute Schädigungen – zum Beispiel infolge eines Knalls oder einer Explosion – können wir vielfach medikamentös behandeln. Eine chronische Schwerhörigkeit ist aber irreparabel. Hier kann maximal ein Hörgerät Entlastung bringen.

Kann der „Tag gegen Lärm“ helfen, dass Bewusstsein für Lärmschwerhörigkeit zu schärfen?
Dr. Wiegels: Das wäre wünschenswert. Die Erfahrung zeigt aber, dass das Thema in Deutschland in der Öffentlichkeit noch immer negativ besetzt ist. Taub wird mit alt und mit dumm gleichgesetzt – schauen Sie sich nur mal moderne Komödien an, in kaum einer fehlt ein Witz auf Kosten eines Schwerhörigen.
Mit Blinden so umzugehen gilt dagegen – zu Recht – als unanständig. In anderen Ländern, beispielsweise den USA, wird mit dem Problem der Schwerhörigkeit viel offener umgegangen. Sicher hat dazu auch beigetragen, dass z. B. Ex-Präsident Clinton sich offen zu seinem Gehörschaden bekennt.

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