Mamaaaa, ich hab dich ganz doll lieb!

In ihren Pflegefamilien finden die Kinder die Liebe und die Geborgenheit, die ihnen ihre leiblichen Eltern oftmals nicht geben können. Foto: Simone Herbst
In ihren Pflegefamilien finden die Kinder die Liebe und die Geborgenheit, die ihnen ihre leiblichen Eltern oftmals nicht geben können. Foto: Simone Herbst

von
06. Januar 2009, 09:57 Uhr

Hagenow | …ein tolles Weihnachtsfest, mit Baum, mit Kugeln, buntem Teller, gemütlich Zusammensitzen, Liedern, die gemeinsam gesungen wurden und natürlich mit Geschenken. Ein Traum für den Knirps. Genau wie der Jahreswechsel.

Vor zwei Monaten kam Justin in die Familie in einem Dörfchen irgendwo im Landkreis. Binnen einer Woche und unmittelbar nach der Entscheidung des Jugendamtes, ihn aus seiner Herkunftsfamilie zu nehmen - Justin ist eines von momentan 92 Pflegekindern im Landkreis, die auf Dauer in neuen Familien leben. Denn Justins Familie konnte ihm nicht die Liebe und die Zuwendung geben, die ein Kind braucht.

Justin kam zu den Krafts. Dahin, wo schon der siebenjährige Tommi und der vierjährige Florian ein neues Zuhause gefunden hatten. Hier erlebte er zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, ein ganzes Bett für sich allein zu haben, gehört zu werden und manchmal auch der Mittelpunkt zu sein. "Du Mama,", fragt der Kleine, der seinen Stammplatz auf Violas Schoß noch nicht wieder hergeben mag, "wo isn Flori?" "Der ist jetzt im Kindergarten." "Hmm. Wenn er zuhause ist, darf ich dann mit ihm spielen?" "Aber klar Spatz!" Wieder strahlt Justin, kuschelt sich noch einmal an Mamas Schulter, ehe er zum Spielen ins Nebenzimmer wetzt.

"So ist es bei uns auch immer, unsere brauchen auch ihre Streicheleinheiten, und wenn sie aus der Schule kommen, muss erstmal gedrückt werden", sagt Ingrid Streich, deren braune Augen ganz viel Liebe für die Kinder und eine tiefe Melancholie verraten. Als ihre eigenen Kinder aus dem Haus waren, wurde auch sie eine Pflegemutti. Mittlerweile sogar von vier Kindern. Bei den Streichs - und da gehört Ehemann Rüdiger mit seiner "sozialen Ader" dazu - leben seit 1999 Cindy, die heute 15 ist, Sophie (11) und seit letztem Juni Lukas (9) und seine kleine Schwester Sarah (4). Ja, in der Anfangsphase hatte es Probleme gegeben, sogar viele und gravierende, räumt Ingrid Streich ein. Wegen der "Rucksäcke", die die Kinder mit sich tragen. Aber die Streichs gaben den Mädchen die Zeit, die sie brauchten, um anzukommen."Irgendwann merkten sie, dass wir für sie da sind. Nicht nur einen Tag oder zwei, sondern jeden Morgen wieder. Wenn wir sie wecken und anschließend mit einem gemeinsamen Frühstück in den Tag starten. Ohne Enttäuschung. "Heute zanken, zoffen, versöhnen sie sich, vor allem aber fühlen sie sich wohl."

Wie Justin, der das Ehepaar Kraft beim ersten Treffen gar nicht mehr gehen lassen wollte. "Eigentlich sollte er erst nach einer längeren Phase der Eingewöhnung ganz zu uns kommen", erinnert sich Viola Kraft an jene Tage im Oktober. Eine Woche, dann war der Kleine bei ihnen. Er hatte seine "Mama", seinen "Papa" gefunden. Das sah damals auch das Jugendamt des Landkreises so.

Und Justin wird lange bleiben. Ob für immer kann heute weder das Jugendamt sagen, noch wissen es die Krafts. Denn das große Ziel einer Pflegschaft - auch in der Langzeitpflege - ist die Rückführung der Kinder in ihre Herkunftsfamilien. Meistens ist dies ein langer Weg, mit ungewissem Ausgang.

Wie bei Cindy, die seit ihrem sechsten Lebensjahr bei Familie Streich ihr Zuhause, ihr eigenes Zimmer, viel Liebe und noch mehr Verständnis gefunden hat. Gerade in die Pubertät gekommen, kam die Sehnsucht, hat sie mit der "Wurzelsuche" begonnen. Die vielen Jahre davor hatte sie keinen Kontakt zu ihrer Mutter, suchte ihn auch nicht. Und Ingrid und Rüdiger Streich wissen warum. Auch ihr Rucksack war voll. "Dich fass ich nicht an, Dich mag ich nicht", hatte sie zu ihrem Pflegevater gesagt. Die Streichs ertrugen, akzeptierten die Gefühle des Mädchens, und sie nahmen sie so an wie sie war. Cindy war eben anders als ihre leiblichen Kinder. "Es war nicht ihre Schuld, es war das Erleben in frühester Kindheit. Dass sie sich nicht würde ändern können, das war uns klar", sagt Rüdiger Streich, "also haben wir uns geändert." Über dem Ändern, anfangs zwei, dann vier Pflegekindern haben die Streichs manche Freunde verloren. Wohl, weil die von der Situation überfordert waren, sie die Entscheidung der Streichs, Kinder und dann gleich vier in Pflege zu nehmen, nicht verstanden. "Aber", sagt Ingrid Streich mit einem verstehenden Lächeln, "wir haben auch neue gefunden."

Darauf und auf "ihre" Kinder sind die Streichs stolz. Zu recht. Cindy, die wie Sophie nicht lange brauchte, um Mama und Papa zu sagen, hat eine positive Entwicklung genommen. Sie besucht jetzt die 9. Klasse. Wenn sie die 10. schafft, will sie auch das Abitur machen. Gefühle zu zeigen, fällt ihr noch immer schwer. Es gelingt ihr nur soweit, wie sie selbst es als Kleinstkind kennen gelernt hat. Das ist in Ordnung, finden die Streichs. Denn Pflegeeltern wissen, was in den Rucksäcken ihrer Pflegekinder steckt. Es sind erlebte Gewalt, Alkohol, Drogen, Missbrauch… kaum nachvollziehbare Gründe, die das Jugendamt des Landkreises veranlasste, sie aus ihren Herkunftsfamilien zu nehmen. Ingrid Streich: "Unsere Aufgabe ist es, ihnen eine neue Familie, Liebe, Geborgenheit und vor allem eine Zukunft zu geben. Das wussten wir, bevor wir die erste Pflegschaft übernahmen. Und wir tun das gern."

Darüber werden die Kinder trotzdem niemals vergessen, dass sie noch eine andere Familie haben, dass es da noch eine Mama, noch einen Papa gibt. "Es ist unsere Aufgabe, den Kontakt zu den leiblichen Eltern zu halten", sagt Viola Kraft. Auch wenn es schwierig ist. Wegen der Rucksäcke, an denen auch die oft schon ihr Leben lang rumschleppen. "Wenn es auch anders scheint, es sind gute Mütter und Väter. Wie wir wollen sie im Grunde nur das Beste für ihre Kinder, selbst wenn das wegen ihrer begrenzten Möglichkeiten so unendlich wenig scheint. In dem Moment, wenn bei ihnen diese Einsicht kommt, und sie ihre Kinder abgeben, eröffnen sie ihnen eine neue, eine glücklichere Zukunft. Und das macht gute Eltern aus ihnen", ist Ingrid Streich überzeugt.

"Mama, wann ist der Kindergarten denn aus?", fragt Justin, der nun fertig gespielt hat und gekonnt "seinen" Schoß erklimmt. "Schon bald, Liebling", sagt Viola Kraft und drückt ihren Jüngsten.

Vielleicht werden die Krafts ihn bis zu seiner Volljährigkeit durchs Leben begleiten. Und als ob Justin genau das spürt und sich nichts sehnlicher wünscht, kuschelt er sich in Mamas Arm. Ganz tief, ganz selbstverständlich. "Mamaaa", flüstert er, "ich hab dich ganz doll lieb!"

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen