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Parchim: Stadtgeschichtliche Jubiläen 2011 : Letzter Hexenprozess vor 325 Jahren

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erstellt am 11.Jan.2011 | 12:22 Uhr

Sie gehört seit vielen Jahren so selbstverständlich zur ständigen Ausstellung, dass selbst Museumschef Wolfgang Kaelcke sie schon ein wenig aus dem Blick verloren hat - die Fahne der Eisen-, Stahl- und Metallarbeiter-Innung. In den nächsten Monaten wird der Historiker wieder häufiger die Aufmerksamkeit der Besucher auf dieses museale Schätzchen aus dem Jahr 1886 lenken, das im Jahr 1960 von Schlossermeister Plötz dem Museum übergeben wurde. Denn am 18. Mai 2011 jährt sich der 125. Gründungstag der Innung. "Ein guter Anlass, ihre Geschichte weiter zu erforschen", meint Wolfgang Kaelcke. Die Innung entstand aus dem Amt der Eisen- und Stahlschmiedearbeiter und zählte 15 selbstständige Meister aus Parchim und Umgebung. Zum 25-jährigen Gründungsjubiläum 1911 berichtete die Norddeutsche Post über die Feierlichkeiten und erwähnt, dass dem Hofschlossermeister Karl Küsel, der die Innung seit 1886 leitete, als Beweis der Anerkennung für seine Bestrebungen von den Innungsmeistern ein sehr hübsch gestalteter Schreibtischstuhl gestiftet wurde. Als spannenden Forschungsgegenstand sieht Wolfgang Kaelcke u. a. ein sehr gut erhalten gebliebenes Foto aus dem Jahr 1900 an: Innungsmitglieder hatten sich als "Moltkegedächtnis" zum 100. Geburtstag des Generalfeldmarschalls ablichten lassen.

Das Jahr 2011 ist wieder mit einer Reihe von stadtgeschichtlichen Jubiläen gesät, gleich zwei liegen mehr als sieben Jahrhunderte zurück: Vor 725 Jahren begann der Bau der Stadtmauer, die einen 2,50 Meter hohen Palisadenzaun ersetzte. Einige Reste des sechs Meter hohen Bollwerkes mit einst drei Toren sind noch heute zu sehen und wurden 1997 saniert.

Ebenfalls im Jahr 1286 wurde die Heil.-Geist-Kapelle erstmals erwähnt. Wer sich in etwa eine Vorstellung davon machen möchte, wie der Komplex "Auf dem Heiligen Geisthof" ausgesehen haben könnte, mag sich an der noch heute erhaltenen 1326 geweihten Heiligen-Geist-Kirche in Wismar orientieren. Anno 2011 weisen in Parchim nur noch der Straßenname und der Name einer Gaststätte darauf hin, dass auf diesem Grund einst eine Kirche stand. Das Museum steht den Betreibern der gastlichen Stätte gern beratend zur Seite, wenn sie diese Tatsache stärker in der Vita ihres Hauses betonen möchten.

Erinnerungswürdig findet der Museumsleiter auch die Tatsache, dass der Rat vor 450 Jahren, also 1561, die neue Satzung der 33er Gilde bestätigte. Gegründet wurde die Brüderschaft 1376, sie bestand bis 1945. Mit Eckehard Hoffmann lebt noch heute ein Nachfahre zweier Gildemitglieder in Parchim. Sein Großvater und sein Onkel gehörten ihr an. Eckehard Hoffmann ist der UrUrUrUr-Enkel von Jakob Heinrich Ludwig Hoffmann. Dieser wiederum schrieb Parchimer Industriegeschichte, als er 1804 die erste Fabrik in der Eldestadt von überregionaler Bedeutung gründete. In der einzigen bedeutenden Zichorienfabrik in Mecklenburg wurde Bohnenkaffee-Ersatz hergestellt. Eckehard Hoffmann ist jetzt zu verdanken, dass Museumsbesuchern seit kurzem eine Truhe der Gilde in restauriertem Zustand präsentiert werden kann. "Es tat mir so leid, als ich die Truhe in einem so bedauernswerten Zustand sah", wollte es das Heimatbundmitglied nicht darauf beruhen lassen und stiftete die Aufarbeitung.

Nicht unerwähnt möchte Museumschef Kaelcke lassen, dass 1686, also vor 325 Jahren, in Parchim der letzte Hexenprozess stattfand. Übrigens, er endete nicht mit der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen: Die damals Verurteilte, es handelte sich um eine gewisse Eva Grothclassen , wurde öffentlich mit Ruten am Pranger ausgepeitscht und anschließend des Landes verwiesen. Es gilt als zuverlässig, dass Parchims letzte Hexe mit dem Leben davon gekommen ist.

Zu den erwähnenswerten Jubiläumsdaten jüngerer Vergangenheit zählt Wolfgang Kaelcke unbedingt den 1. September 1961: In der Nähe des Fangelturmes begannen vor 50 Jahren die Erdarbeiten zum Bau des noch heute produzierenden Gasbetonwerkes. Dabei soll es sich sogar um das erste Werk seiner Art in der damaligen DDR handeln. Ebenfalls vor 50 Jahren gab es in Parchim eine Straßenumbenennung: Aus der Stalinallee wurde die Buchholzallee. 25 Jahre später wurde die Eldestadt sogar Drehort für eine sechsteilige Fernsehserie: "Alfons Zitterbacke" hat als sympathischer Pechvogel ganze Generationen vor die Mattscheibe gelockt und damit seinen Schöpfer, den Kinderbuchautor Gerhard Holtz-Baumert, unvergessen gemacht.

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