Lena – ein ganz besonderes Kind

Für die siebenjährige Lena Flögel aus Ludwigslust hat im Sommer die Schule begonnen. Das Mädchen mit dem Down-Syndrom besucht als erstes Integrationskind die katholische Grundschule Edith Stein, die für ihre reformpädagogische Arbeit bekannt ist. Eltern und Lehrer freuen sich über die gelungene Integration.

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17. Oktober 2008, 08:12 Uhr

Ludwigslust - „11, wo bist du?“, ruft Lena, die vor ihrem roten Lernkasten sitzt und Zahlenkärtchen von eins bis 24 den entsprechenden Feldern zuordnet. Langsam aber sicher bekommt jedes Kärtchen seinen Platz. Dann klappt die Schulanfängerin ihren Kasten energisch zu und geht erst mal in die Bauecke, um ein Hochhaus zu bauen. „Sie kann sich nicht so lange am Stück konzentrieren“, sagt Integrationshelfer Benedikt Schröder, der dem geistig behinderten Mädchen im Schulalltag zur Seite steht.

Wenig später setzt sich Lena wieder auf ihren Platz in der ersten Reihe und holt ihr Schreibheft raus. Bis zur Frühstückspause um halb Zehn ist Freiarbeit angesagt, das heißt, die Schüler entscheiden selbst, mit welchem Material sie lernen wollen. „Welchen Buchstaben möchtest du denn üben?“, fragt Benedikt Schröder, der neben ihr sitzt. „R wie Radio“, antwortet Lena. „Ich will das aber alleine machen.“ Danach kommt T wie Tasse, L wie Lupe und I wie Igel dran. Zwischendrin schaut sie immer mal wieder verträumt in die Gegend und schweift mit ihren Gedanken ab.

Mitschüler akzeptieren Lena so, wie sie ist
Auch wenn Integrationshelfer Benedikt Schröder, der an der Edith-Stein-Schule sein Freiwilliges Soziales Jahr macht, da ist, um Lena zu unterstützen, lässt er die Siebenjährige so viel wie möglich alleine machen. „Sie hat ja auch Gleichaltrige um sich, von denen sie sich etwas abgucken kann“, sagt Klassenlehrerin Heike Scheufler, die zu Beginn des Schuljahrs offen mit der Klasse über Lenas Behinderung gesprochen hat. Seitdem wissen die Mitschüler, warum für Lena manchmal Sonderregeln gelten und sie zum Beispiel häufiger als die anderen eine Pause machen darf. Und sie akzeptieren das.

Birgitt Flögel, die Mutter von Lena, freut sich, dass ihre Tochter von den Mitschülern angenommen ist und dass in der Klasse ein natürliches Miteinander herrscht. „Es ist immer gut, wenn ein behindertes Kind, mit gesunden Kindern aufwachsen kann“, weiß sie aus Erfahrung, denn Lena ist auch schon im Montessori-Kinderhaus ganz normal mitgelaufen. Was die Lernergebnisse ihrer Tochter angeht, ist die Ludwigslusterin positiv überrascht: „Lena hat viel Geduld entwickelt, weil sie wie alle anderen lesen und schreiben lernen will.“ Und da in der Edith-Stein-Schule sowieso jedes Kind nach seinem eigenen Tempo arbeite, falle sie – obwohl sie nach einem extra Lehrplan für geistig Behinderte unterrichtet wird – gar nicht so auf. Die Sorgen, die sie als Mutter sich vor der Einschulung gemacht habe, seien somit umsonst gewesen.

„Es müssen alle gut damit leben können.“
Das Beispiel Lena zeigt, dass Integration wirklich möglich ist. Dennoch kann die Edith-Stein-Schule nicht jedes behinderte Kind aufnehmen. „Es kommt immer auf das Kind und den Grad seiner Behinderung an“, sagt Schulleiterin Marion Löning. Körperlich behinderte Kinder beispielsweise blieben außen vor, da kein Fahrstuhl vorhanden sei, und die Lerngruppe von Lena könne schon alleine aufgrund der Anzahl der Schüler kein weiteres behindertes Kind aufnehmen. Die Qualität des Unterrichts dürfe nämlich nicht leiden. Um Entscheidungen treffen zu können, die für alle Beteiligten gut sind, will sie bei künftigen Anfragen zunächst im Kindergarten des jeweiligen Kindes hospitieren und sich ein eigenes Bild machen. „Es müssen alle gut damit leben können“, so Löning.

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