Lehrer sind nicht faul, aber überfordert

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27. März 2009, 10:41 Uhr

Gutes Gehalt, ein sicherer Arbeitsplatz und viel Freizeit – solche Annehmlichkeiten schienen über Jahrzehnte das Bild der Lehrer in Deutschland zu prägen. Die Vorstellung von Pädagogen als „faulen Säcken“ ist auch in den Augen der meisten Bundesbürger vorbei. Zwar haben viele immer noch eine mäßige Meinung von den Lehrern. Doch finden mehr als zwei von drei Deutschen die Pädagogen in den vorherrschend großen Klassen mit ihren Leistungsunterschieden heute überfordert.

Dass Lehrer besonders viel Freizeit hätten, meinen nur 37 Prozent der Bürger. „Das spielt eine untergeordnete Rolle“, sagte die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher, gestern in Berlin. Das Institut befragte Anfang März im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland rund 1800 Deutsche zu ihrer Einschätzung von Schulen und Lehrern. Rund 360 von den Befragten waren Eltern schulpflichtiger Kinder.

Große Verantwortung, große Klagen68 Prozent der Bürger halten Lehrer demnach für überfordert und sehen dies als Ursache für schlechte Schülerleistungen. 54 Prozent stellen vielmehr fest, dass Lehrer häufig über ihre Belastung klagen. An diesem Eindruck sei die Lehrerschaft „nicht ganz unschuldig“, sagt der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Überwiegend würden Probleme in dem Beruf an die Öffentlichkeit getragen, anstatt stärker die positiven Seiten zu betonen.

Viel Geld verdienen sie nach Meinung von 32 Prozent, so die neue Erhebung. Mehr als die Hälfte der Bürger finden hingegen: Lehrer haben es anstrengend, tragen große Verantwortung, müssen viele elterliche Erziehungsfehler bei den Kindern ausbügeln – und klagen auch entsprechend über ihre Lage.

Was will die Gesellschaft überhaupt von den Schulen und ihrem Personal? Klar: Wissensvermittlung – hier schneiden die Schulen trotz Pisa-Schock überraschend gut ab. Naturwissenschaftliche und historische Kenntnisse sind den meisten dabei übrigens weit weniger wichtig als Allgemeinbildung, Sprache, Mathe und Englisch. Viele erwarten aber auch, dass die Schule stärker zum Ort für Persönlichkeitsbildung und Sozialkompetenz wird.

Defizite aus dem Elternhaus Und dann kommen Spezialwünsche: Je nach Themenkonjunktur sollen die Schulen zu gesunder Ernährung, bewusstem Umgang mit den Medien oder anderen Dingen des Alltags anhalten. Heinz-Peter Meidinger, sagt: „Die Lehrer können die riesigen Erwartungen nicht erfüllen.“ So müssten sie zwar selbstverständlich auch erziehen – aber Defizite aus dem Elternhaus ausbügeln könnten sie nicht.

Die intensivere Bildungsdebatte hat die Gesellschaft erreicht. Dass die Klassen zu groß sind, dass Lehrer den teils schwierigen Stoff angemessen vermitteln müssen, dass Schüler ausländischer Herkunft mehr Sprachförderung brauchen – das alles gehört zur Mehrheitsmeinung. Lieblingsthemen mancher Bildungspolitiker rangieren in der Sicht der Leute mit je unter zehn Prozent dagegen weit hinten, etwa die Möglichkeit größeren Wettbewerbs zwischen Schulen oder der Zeitpunkt der Einschulung.

Problematisch wird das zwiespältige Lehrer-Image wegen des Nachwuchsmangels. Bundesländer werben sich bereits gegenseitig gute Lehrer ab. Vor allem in den MINT-Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – gehen den Schulen die Lehrkräfte aus. Helfen soll nun auch ein Lehrerwettbewerb, für den Schüler und Lehrer charismatische Pädagogen sowie Beispiele von fächerübergreifendem Lehren und Team-Unterricht melden können. „Wir wollen das Lehrer-Image in Deutschland verbessern und den Lehrerberuf damit aufwerten“, sagt Meidinger.

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