Lehrer schlug Schüler

Ein Lehrer der Bützower Regionalschule schlägt einen Schüler im Unterricht. Mitschüler und Eltern sind entsetzt. Der Lehrer nennt es „Reflex“, die Schulleiterin eine Handlung „im Affekt“ und ordnet den Schüler als Problemfall ein.

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05. Juni 2008, 08:50 Uhr

Bützow - 27 Grad Celsius zeigt das Thermometer am Freitag im Schatten. 50 Schüler der 6. Klassen haben mittags Sportunterricht in der kleinen Halle der Regionalschule am Rühner Landweg. Zwei Lehrer sind dabei, ein Mann für die Jungen, eine Frau für die Mädchen. Tom (12)* will Fußball spielen, sein Lehrer entscheidet: Prellball, ein Mannschaftssport, bei dem der Ball nur ein paar Mal in jeder Spielhälfte auftippen darf. Schon vorher geraten Lehrer und Schüler aneinander, nicht zum ersten Mal. Ein Ball geht ins Aus, Tom rennt wütend hinterher, schießt ihn gegen die Wand.

Was dann passiert, schildern Anwesende unterschiedlich. Der Ball fliegt dem Lehrer auf kurze Distanz ins Gesicht; der Getroffene schlägt zu. „Ins Gesicht“, erklärt Toms Mutter*. Tom zeigt auf die Schläfe seiner rechten Gesichtshälfte. „Mit dem Handrücken“ habe der Lehrer zugelangt, sagt er. Mitschüler bestätigen: Der Lehrer habe den Schüler geschlagen – wie genau, da widersprechen sich die Aussagen. Tom ist zierlich für sein Alter, knapp 1,40 Meter, wiegt etwa 40 Kilo.

Nach dem Schlag verweist der Lehrer den Schüler des Feldes. Tom will nicht, ist bockig. Der Lehrer packt ihn, drückt ihn gewaltsam auf eine Bank. Tom wehrt sich, doch der Lehrer lässt nicht locker. „Er hat ihn mit beiden Armen auf die Bank gepresst. Danach waren die Arme rot“, erklärt eine Schülerin. Sie habe noch gebeten: „Bitte, das geht doch ohne Gewalt. Dann hat Tom geweint.“ Diesen Vorgang bestätigen mehrere Kinder – direkt oder über ihre Eltern.

Toms Mutter ist entsetzt. „Ein Lehrer hat Kinder nicht anzufassen“, sagt sie entrüstet, „egal in welcher Weise.“ Mutter und Sohn gehen zur Schulleiterin, wollen Aufklärung. Ein ausführliches Gespräch zum Vorfall gab es jedoch erst fünf Tage später – an diesem Mittwoch.

„Ich habe den Schüler nicht geschlagen“, sagt der Lehrer. Er erklärt, Tom im Nacken getroffen zu haben. Seine Handlung sei ein „Reflex“ gewesen, zum Selbstschutz, nachdem der Ball ihn selbst im Gesicht traf. Der Sportlehrer ist Bildungspolitiker in Bützow und Vorsitzender der Linksfraktion in der Stadt.
Schulleiterin Gudrun Radziwolek erklärt: „Eine Affekt-Handlung.“ Kein Vorsatz. Der Lehrer habe nicht gesehen, wohin er schlage, als sich ihm Tom nähert. Es sei auch „kein Schlag ins Gesicht“ gewesen, so Radziwolek. Hier widerspricht Tom auf Nachfrage.

Ob der Vorfall disziplinarische Konsequenzen haben werde, wollte die Schulleiterin nicht beantworten. Dies sei „ein Dienstvorgang“. Die zweite im Unterricht anwesende Lehrerin erklärt: Sie habe die Situation mit dem Schlag nicht überblicken können.
Der Junge habe den Lehrer aufs Gröbste beschimpft. Die Schulleiterin nennt Tom „jähzornig, aufgekratzt – ein äußerst kompliziertes Kind“. Der Sportlehrer sagt: „Es ist viel Aggressivität in ihm.“ Vorher habe Tom auch Mitschüler bedroht. Die zweite Lehrerin bestätigt: „Er hat Schwierigkeiten, seine Aggression in den Griff zu bekommen.“

An der Schule habe es schon vorher Vorfälle gegeben, bei denen der Junge gewalttätig gegenüber Mitschülern und Lehrern geworden sei. „Er fühlt sich angegriffen“, so die Schulleiterin.
Toms Mutter versteht dies nicht. Sie zieht vier Kinder allein auf. Zu Hause gebe es kaum Verhaltensprobleme mit ihrem Sohn. Nur in der Schule fühle er sich gehänselt, ausgegrenzt.
Das Bildungsministerium wisse seit Wochenbeginn vom „bedauerlichen Vorfall“, sagte Sprecherin Johanna Hermann gestern. Die Schulleitung führe eine Untersuchung, vorher gebe es keine Aussagen.
Klar sei, „dass es nicht zu Handgreiflichkeiten gegen Kinder kommen darf“. Das Schulgesetz, Paragraf 60, regele erlaubte Erziehungsmaßnahmen. Zitat: „Körperliche Züchtigungen sowie andere entwürdigende Maßnahmen sind verboten.“

* Name des Schüler geändert; alle Namen der Zeugen sind der Redaktion bekannt.

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