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19. November 2017 | 00:26 Uhr

Lebenslange Liebe zu Bienen

vom

svz.de von
erstellt am 13.Okt.2010 | 10:07 Uhr

Quetzin | Zehntausende Stiche von Bienen hat Reinhard Neumann in sechs Jahrzehnten zu spüren bekommen - viele, aber auch eine lange Zeit, denn bereits im Alter von vier Jahren fängt er an, sich für die Imkerei zu interessieren. Mit seinem Vater, der damals 100 Bienenvölker hat, zeltet er übers Wochenende in den Elbauen und transportiert als Läufer stolz die ersten Waben.

Später, nach der Ausbildung zum Diplom-Landwirt, widmet sich Neumann zunächst dem Feldbau sowie der Großtierzucht und ist später als Generaldirektor der VVB Saat- und Pflanzgut Quedlinburg für den Aufbau von zwei Betrieben verantwortlich. Immer mehr gewinnt bei ihm in dieser Zeit die Kleintierzucht an Einfluss. Die Folge: Für den Betrieb die Betreuung von 1500 Bienenvölkern in Criewen im Oderbruch und ab 1978 der Aufbau der eigenen, bis 1989 existierenden Anlage gleicher Größe in Karow. "Schon in dem Saatbaubetrieb, der eine Größe von 9000 Hektar hatte, wussten wir, dass das Überleben von 60 bis 70 Prozent der für die Ernährung des Menschen wichtigen Pflanzen von der Blütenbestäubung durch die Biene abhängig ist", sagt Neumann. Bis 1989 hatte er als "Kreiswanderobmann" im damaligen Landkreis Lübz den Bestäubungseinsatz der Bienen im Blick: "Die Absprachen waren damals gut. Wenn eine Schwächung der Bienen zu bemerken war, haben wir uns mit dem agrochemischen Zentrum zusammengesetzt und vereinbart, dass Pflanzenschutzmittel - damals viel per Flugzeug ausgebracht- eher versprüht und die Äcker nachts behandelt wurden, weil die Biene ein Tagtier ist. So wurde sie nicht geschädigt." Mit den Landwirten, die die Flächen um seine Imkerei herum bewirtschaften, spricht Neumann auch heute noch, was viele Berufskollegen leider nicht täten.

Mischung ungefährlicher Stoffe kann sich fatal auswirken

Gefährlich sei allerdings auch, mehrere Pflanzenschutzmittel gleichzeitig auszubringen, die einzeln gesehen nicht bienengefährlich sind, und nicht bescheid zu sagen. Wie die Mischung wirke, sei oft nicht bekannt: "Dann wird die Bienenfreundlichkeit leicht zum Bienenfeind." Von zentraler Wichtigkeit sei darüber hinaus, den todbringenden Befall durch die Varroa-Milbe in den Griff zu bekommen. Ein Mittel sei die Behandlung mit Ameisensäure.

Bereits 14 Tage vor der Wende hatte Neumann sein Konzept für eine "Schauimkerei" fertig, die jetzt ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Um das Vorhaben verwirklichen zu können, kaufte Neumann von der Treuhand die ehemalige Schweinemastanlage in Quetzin. "Damals eine Mondlandschaft", sagt er, was seinerzeit aufgenommene Fotos untermauern. Eine der größten Aufgaben bestand darin, die dicken Betondeckel der gut 70 Kubikmeter Gylle fassenden Gruben aufzubrechen und die zwei Meter tief in der Erde sitzenden Behälter aufzufüllen. Heute finden sich hier unter anderem Feuchtbiotope und Senken mit wilden Pflanzen.

150 Bienenvölker hatte Neumann von der Mastanlage übernommen, heute sind es 300, die in 12 Wanderwagen im Sommer zwischen Güstrow, Parchim, Lübz und der Meyenburger Heide zu finden sind. Außerdem hat der Fachmann Nachwuchsarbeit mit sechs Kindern aus der fünften und sechsten Klasse durch die "AG Junge Imker Plau am See" ins Leben gerufen und ist seit acht Jahren Mitglied im internationalen "Api-Therapiebund", der sich mit der Heilkraft von Bienenprodukten beschäftigt.

Naturnahe Behandlung durch Bienenprodukte

Dazu gehören unter anderem Blütenpollen, "Gelee Royal" (Aufbaumittel für das Immunsystem) und entzündungs- sowie keimhemmender Kittharz.

Die Resonanz seitens der Förderer der Schauimkerei und des Bienenmuseums anlässlich des Jubiläums bezeichnet Neumann als "überwältigend". Sie motiviere dazu, die Arbeit fortzusetzen und den engen Kontakt mit anderen Unternehmen wie etwa dem Wangeliner Garten des "Vereins zur Förderung angemessener Lebensverhältnisse" e. V. (FAL) zu erhalten.

Vom Verkauf in der Region allein könnte der Quetziner nicht existieren. Momentan bereiten er und sein Team den nächsten Besuch bei der "Grünen Woche" in Berlin im Januar vor, jeden Sonnabend ist er auf einem Lebensmittelmarkt in Lübeck zu finden. Allein dafür legt der Imker jährlich rund 30 000 Kilometer im Auto zurück. "Das ist anstrengend", bekennt Neumann. "Allerdings machen viele Kollegen den Fehler, sich zu wenig zu öffnen. Und ich habe im Auge, dass alle Seiten von meiner Tätigkeit profitieren: Ich verkaufe meine Produkte an Kunden, die gute Qualität wollen und mache gleichzeitig neugierig auf unsere Region, was - wie ich aus Gesprächen weiß - viele dazu animiert, sich auch einmal auf den Weg hierher zu machen."

Das Engagement von Neumann, mit 64 Jahren langsam aufs Rentenalter zusteuernd, ist ungebrochen. Als eines der neueren Vorhaben hat er auf seinem Hof noch ein "Insektenhotel" errichtet, das auch vielen gefährdeten Kleinstlebewesen Unterschlupf bietet, bekennt jedoch: "Es braucht ein hohes Maß an Durchhaltevermögen." Die Fakten, dass auf Äckern vielfach nur noch Monokulturen zu finden sind, der früher unumstößliche Grundsatz der Fruchtfolge oft nicht mehr eingehalten wird und der Einsatz auch nervengiftiger Pestizide weiter gestattet ist (letzteres und der Umstand, dass viele Imker zu alt sind, haben die Zahl der Bienenvölker gegenüber 1990 um mehr als 80 Prozent schrumpfen lassen), bereiten ihm Sorgen.

Für die Zukunft hiesiger Imker gebe es trotzdem große Entwicklungs-Chancen: Mit jährlich 100 000 Tonnen ist Deutschland Honigverbraucher Nummer 1 in der Welt - allerdings mit einem Importanteil von 80 Prozent.

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